Was ist, wenn…?

Da ich gerade erfuhr, dass ein Menschen, dem ich auch viel zu verdanken habe, nunmehr im Hospiz

ist, ist es wieder da – dieses seltsame Gefühl.

Ich denke, das kennt jeder. Und ja auch – oder gerade – wir Autisten haben dieses seltsame Gefühl auch, wenn das Wort „Hospiz“ fällt. Es klingt so endgültig, denn – machen wir uns nichts vor – in 95-99% der Fälle zieht man dort ein in dem Wissen, dass dies die Endstation ist. Und so interpretiert man denn auch solche Nachrichten.

Es führt einem unweigerlich die eigene Endlichkeit vor Augen. Und diese umgibt uns jeden Tag, seit dem Zeitpunkt unserer Geburt.

Natürlich weiß für gewöhnlich niemand, wieviel Zeit ihm noch auf Erden bleibt. Manche aber wissen zumindest, wieviel es nicht mehr sein wird. Das Ende rückt dann irgendwann in Sichtweite.

Nur – was ändert sich, wenn dies der Fall ist? Und: ist es Segen oder Fluch, wenn es dazu kommt, dass man sein baldiges Ende vor Augen hat?

Meine Oma sagte immer „ein schöner Tod“, wenn sie von jemandem erfuhr, der plötzlich umfiel und nie wieder aufwachte.

Ja, mag sein, dass der Tod auf diese Weise „schöner“ ist. Ein bisschen wie ins kalte Wasser geworfen zu werden. Man hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

Ich selbst habe lange Zeit – ab ca. vor 20 Jahren – gesagt, ich möchte bitte ganz klar und bewusst sterben, sodass ich im Fall, dass danach was kommen sollte, diesen Übergang auch mitbekomme. Einer der spannendsten Momente, wenn nicht gar DER spannendste Moment des Lebens überhaupt.

Spannend, weil – im Gegensatz zur Geburt – die Art und Weise des Sterbens von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist und auch das „danach“ unklar bleibt. Zig Religionen, Mythen und Meinungen gibt es dazu. Wissen tut es niemand.

Es gibt also für einige von uns die Möglichkeit, sich mehr oder minder bewusst zumindest auf den letzten Atemzug vorzubereiten. Bewusst Abschied zu nehmen vom eigenen Leben. Ich nehme sogar an, dass es die Mehrzahl der Menschen sind, die diese Möglichkeit haben und hatten. Plötzliche Tode sind doch eher seltener.

Nur, was macht man anders? Warum lebt man anders, wenn die Zeit einem teilweise wie Sand durch die Finger rinnt?

Man liest manchmal die Formulierung „er/sie lebte, als gäbe es kein Morgen“. Nur, wieso ist das so? Ist es der tief verankerte Wunsch über ein folgenloses bzw konsequenzloses Leben? Einem, in dem es egal ist, was ich jetzt mache, weil mich die Konsequenz ohnehin nicht mehr trifft? Was ist so gut daran, wo doch das Ziel der meisten Menschen ist, Spuren zu hinterlassen? Spuren sind demnach gut, Folgen und Konsequenzen nicht?

Und dann gibt es ja auch noch Ratschläge wie „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter Tag“ oder „Carpe Diem“. Was schieben wir auf, solange das Ende nicht in Sicht ist? Auf was warten wir? Würden wir tatsächlich was anders machen, wenn wir wüssten, in x Wochen ist es vorbei?

In vielen Filmen bspw. kommt zum Ende des Lebens das große Bedauern über verpasste Möglichkeiten. Nur, ist es sinnvoll, so zurück zu blicken? Letztlich kann man im hier und jetzt nur auf Basis dessen entscheiden, was man jetzt weiß und was man jetzt machen kann. Natürlich wäre es hier und da schön, wenn man mit dem Wissen von heute zu einem Punkt X in der Vergangenheit zurück springen könnte. (Ich wäre dann auch Millionär, weil ich wüsste, welche Aktien durch die Decke gehen…) Aber würde man wirklich etwas anders machen wollen?

Ich kann die hier gestellten Fragen nicht beantworten. Will ich auch gar nicht – das muss jeder für sich tun.

Sich darüber aber Gedanken zu machen, ist sicherlich immer gut. Es zeigt, was einem wirklich wichtig ist. Für mich ist es letztlich entscheidend, dass ich mit meinen Entscheidungen und meiner Lebensweise, die ich im jeweiligen Zeitpunkt getroffen habe, zufrieden bin. Dass ich sagen kann „ja, ich würde – ohne das Wissen von heute – alles wieder genauso machen“. Etwas mit dem Wissen von heute genauso zu machen wäre dann nur noch das Sahnehäubchen…

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