Autismus = Behinderung = Schwerbehindertenausweis?

Beim Thema Autismus und Behinderung gehen die Meinungen auseinander. Oft spricht sogar medizinisches Fachpersonal von „Erkrankung“ oder „Krankheit“. Auch im Betroffenenkreis ist das ein heiß diskutiertes Thema.

Korrekt müsste es vermutlich „Entwicklungsstörung“ heißen. Autismus als Krankheit zu bezeichnen, finde ich unpassend. Nur, weil etwas einen ICD Schlüssel hat, muss es keine Krankheit sein, zumal es ja auch keine Heilung gibt.

Grundsätzlich ist Autismus oder eine Form davon noch keine Behinderung, kann aber durchaus dazu führen und tut dies auch oft. Laut § 2 Abs. 1 SGB IX sind Menschen behindert, „wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ Letzteres ist häufig so. Egal in welcher Gruppe, Autisten sind beliebte „Opfer“ und das beeinträchtigt die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft sehr wohl. Und da liegt es nahe, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Das ist allerdings nicht so simpel, wie man sich das vorstellt. Denn eigentlich beantragt man keinen Schwerbehindertenausweis, sondern die Feststellung eines „Grades der Behinderung“ (kurz: GdB). Einen Schwerbehindertenausweis bekommt man dann, wenn man einen GdB von wenigstens 50 zugesprochen bekommt.

Das zu erreichen ist gar nicht so einfach, denn einzelne Einschränkungen werden keinesfalls addiert, wie viele häufig annehmen.

Werden mehrere Gebrechen im Antrag angegeben, wird im Einzelfall tatsächlich geprüft, inwieweit sich die genannten Einschränkungen gegenseitig beeinflussen (zumindest sollte es geprüft werden). Sollte sich nach Prüfung der Unterlagen für die Fachabteilung kein Zusammenhang erschließen, wird der vom Ursprungswert höhere GdB der Einschränkungen berücksichtigt. Ist der Zusammenhang gegeben, wird dieser durch eine Erhöhung berücksichtigt, allerdings wird nicht addiert. Die Werte für die einzelnen „Leiden“ sind in einer Art „Katalog“ festgehalten. Offiziell heißt dieser „versorgungsmedizinische Grundsätze“ und stellt mehr eine Tabelle dar.

Ausschlaggebend ist jedoch nicht nur eine diagnostizierte Krankheit oder Einschränkung, die der Antragsteller nur benennen bzw belegen muss, sondern, die dadurch tatsächlich für ihn entstehenden Einschränkungen. Diese müssen möglichst genau dargelegt werden, was ich sehr schwierig finde. Eine Einschränkung kann ja nur wahrgenommen werden, wenn man einen Vergleich hat. Dazu bedarf es aber der Fähigkeit, diesen auch beurteilen zu können. Als Autist weiß man aber gar nicht unbedingt, was „normal“ ist, was für andere einfach oder schwer ist, usw. Mir persönlich fällt es auch schwer, konkrete Einschränkungen in Worte zu fassen.

Generell sind meiner Meinung nach die Einschränkungen aus der Kategorie 3, Nervensystem und Psyche, zu der auch Autismus gehört, schwer darzulegen. Wenn eine Gliedmaße fehlt ist das einfacher („mir fehlt die Hand, deshalb habe ich Schwierigkeiten ein Brot zu schmieren, größere Dinge zu tragen, mich anzuziehen, Auto zu fahren, …“) und auch einleuchtender.

Im „Katalog“ werden mehrere Stufen unterschieden:

  • Keine sozialen Anpassungsschwierigkeiten
  • Leichte soziale Anpassungsschwierigkeiten
  • Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten
  • Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten

Bei meinem ersten Versuch einen GdB von wenigstens 30 zu erhalten aufgrund der Autismus-Spektrumsstörung, wurde der Antrag abgelehnt. Ich hätte die Schule geschafft, einen Beruf und einen Partner, ich hätte keine Einschränkungen. Auch mein Widerspruch scheiterte.

2016 habe ich beim Antrag aufgrund des Brustkrebs‘ auch wieder die Autismus-Spektrumsstörung mit angegeben, auch hier wurde diese nicht berücksichtigt. Nicht einmal leichte soziale Anpassungsschwierigkeiten wurden zuerkannt.

Im nächsten Jahr ist nun wieder ein Antrag fällig, da die Heilungsgewährung für den Brustkrebs abläuft (nach 5 Jahren gilt man für das Amt als geheilt, obwohl die Antihormontherapie weiter geht und obwohl man bei Brustkrebs nie sicher sein kann, insbesondere nach Abschluss der Antihormontherapie nicht mehr). Ich habe nun zwar eine Betreuung und Diagnose von der Psychiatrie einer Uniklinik, mit einem ausführlichen Bericht auch über die Zusammenhänge, aber ob das reicht, wird sich herausstellen. Insbesondere die Ausformulierung der persönlichen Einschränkungen finde ich nach wie vor schwierig. Ich werde mir allerdings für die Beantragung Hilfe bei einem Sozialverband suchen.

Nur – warum das Ganze? Wozu braucht man eigentlich einen Schwerbehindertenausweis – was hat man davon?

Zum Einen sind es finanzielle Vorteile: Steuerfreibeträge, Vergünstigungen bei Veranstaltungen, Museen, in Freizeit- und Bildungseinrichtungen.

Darüber hinaus sehe ich die Vorteile hauptsächlich im Bereich der Beschäftigung: der Arbeitgeber bekommt Vergünstigungen für die Einstellung Schwerbehinderter, bzw. muss eine bestimmte Anzahl an Mitarbeitern schwerbehindert sein, sonst wird eine Abgabe fällig. Daher freuen sich Arbeitgeber darüber, was die Chancen erhöht, einen Job zu bekommen. Weiterhin ist man arbeitsrechtlich besonders geschützt: die Entlassung Schwerbehinderter ist deutlich schwieriger, sie sind von Mehrarbeit befreit, bekommen 5 Urlaubstage pro Jahr mehr (bzw. 1 Woche) und können 2 Jahre früher in Rente gehen (wuhuu).

Für mich persönlich sind das beides die Hauptgründe, es gibt aber noch diverse mehr (nachzulesen im WWW). Insbesondere der arbeitsrechtliche Teil und der Anspruch auf Eingliederungshilfe ist bei Autisten wichtig. Durch ständige Reizüberflutung, Anspannung durch soziale Überforderung, usw. besteht ein ständiges Stresslevel, sodass mehr Erholung benötigt wird. Und durch Kommunikationsschwierigkeiten sind viele Autisten auch gefühlt immer mit einem Bein in der Entlassung, wenn sie überhaupt einen Job finden.

Bei Kindern mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum wird oft pauschal ein GdB von 50 sowie die Merkzeichen Hilflos und Begleitung vergeben. Sobald man 18 ist, fällt alles oft sofort weg. Als wäre der Autismus in der Nacht vorm 18. Geburtstag auf wundersame Weise verschwunden.

Ich hoffe, dass die Schwierigkeiten erwachsener Autisten künftig besser berücksichtigt werden. Wir werden immer mehr! Natürlich nicht wirklich, aber es wird inzwischen auch besser diagnostiziert und der Bekanntheitsgrad steigt, sodass viele, die als Kind noch gar nicht diagnostiziert werden konnten, nun nachträglich mit einer Diagnose eine Erklärung erhalten und noch die Möglichkeit bekommen, das Leben entsprechend anzupassen. Und ein Schwerbehindertenausweis eröffnet Möglichkeiten. Nicht mehr und nicht weniger.

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