Mein Job als Hiobsbotschafter

Zwischen Diagnostik und OP galt es also, Leute zu schocken, in dem ich meine Erkrankung mitteilte. Da ich

auf unbestimmte Zeit ausfallen würde, konnte man da dann auch nicht irgendwie die Diagnose weglassen. Es wären ohnehin Nachfragen gekommen und es ist mir zumindest auch nicht peinlich, an Brustkrebs erkrankt zu sein. Niemand sucht sich das schließlich aus und es ist auch nicht aus Unvorsichtigkeit entstanden. Darüber hinaus möchte ich lieber selbst Auskunft geben, als das komische Gerüchte und Getuschel entstehen.

Die „erweiterte Familie“, also Onkel, Tanten und Cousinen wurden per Sammelmail informiert. So hatte jeder zeitgleich die gleichen Informationen, die ich sachlich ausführlich darstellte. Meine Eltern wurden entlastet, denn ich kann mir vorstellen, dass das für Eltern schwierig ist. Und von der Familie konnte es niemand als erstes erfahren und selbst weitererzählen. Perfekte Lösung. Von Zeit zu Zeit habe ich auch in den folgenden Monaten über diesen Weg informiert.

Ich glaube, meinen Freunden habe ich das per Messenger erzählt – das weiß ich gar nicht mehr so genau. Der Chef und die Projektkollegen und Auftraggeber im Kundenprojekt habe ich persönlich informiert, unsere „Mädels“ in Buchhaltung und Personal auch – wo ich schonmal da war. Genau geplant hatte ich das nicht – wer mir über den Weg lief, hat es so erfahren, wer nicht, schriftlich.

Einen Tag vor der OP, also am Abend noch im Krankenhaus, habe ich mir ein ruhiges Plätzchen gesucht und eine liebe, befreundete Kollegin angerufen. Sie war die ganzen 3; Wochen im Urlaub, gerade zurück und ist so ein zart besaitetes Wesen, dass ich das erst nach dem Urlaub und persönlich berichten wollte, damit sie nicht am ersten Arbeitstag sowas wie „hast du schon gehört…“ hört. Mir war es wichtig, dass ich das selbst die schlechte Nachricht verbreite. Da die Reaktionen ja total unterschiedlich sein können, mochte ich das auch niemand anderem aufdrücken. Es ist mein Krebs und mein Problem, nicht das meiner Eltern oder meines Freundes.

Man kann auch gleich Fragen beantworten, wobei ich offenbar umfangreich genug informiert habe, denn viele gab es nicht.

Ich hatte das Gefühl, dass ich von Mal zu Mal eine gewisse Routine entwickelte. Darüber hinaus kommt es sicherlich auch darauf an, wie man selbst dazu steht. Ich war mit mir im Reinen, das überträgt sich auf den Gegenüber.

Die „warum gerade ich“ oder „warum gerade du“ Frage habe ich mir nie gestellt und auch nicht zugelassen von anderen. Es ist die überflüssigste Frage überhaupt. Erstens, weil es darauf keine Antwort gibt, zweitens weil eine Antwort darauf an der Sache nichts ändern würde, da die Zeit bekanntlich nicht zurück gedreht werden kann und drittens impliziert das, dass andere Menschen so etwas demnach mehr verdient haben. Welch ein skurriles Welt- und Menschenbild…

Auch im Nachhinein bin ich ehrlich gesagt immer noch zufrieden mit meiner Informationspolitik.

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