Nachruf

Liebe S.,

wir hatten nicht nur den gleichen Vornamen, sondern auch einige gleiche Einstellungen und Parallelen. Allerdings glaube ich, dass ich vieles auch einfach von dir gelernt habe. Für mich warst du die große Schwester, die ich selbst nicht hatte. Wir wussten sicherlich alle nicht, wie wichtig das für mich war. Jetzt, wo ich um meinen Autismus weiß, ist es mir noch klarer, dass ich heute nicht da wäre, wo ich es bin, wenn du in meinen prägenden Jahren nicht da gewesen wärst. Mit Gleichaltrigen hatte ich wenig Kontakt, ich war unbeholfen und wusste nicht so richtig, wie das mit Mädchen sein und erwachsen werden geht. Bei vielen ganz praktischen und äußerlichen Dingen brauchte ich einen Schubser, den du mir geben konntest (denn auch für heranwachsende Autisten sind Eltern uncool und was sie sagen, kann ja gar nicht stimmen), auch wenn ich es manchmal für verrückt hielt.

Einiges, was du gemacht hast, schien auch anderen verrückt, aber für dich passte es, es tat dir gut und letztlich hast du wohl – egal was es war – fast alle überzeugt. Ja, genau, überzeugend trifft es gut!

Und ich kenne auch kaum jemanden, der derartig hilfsbereit ist. Gerade die ganz praktischen Hilfen, die oft niemand eingefordert hätte, hast du geleistet. Andere unterstützen war dein Ding – und das auch gerne mit kleinen Gesten, die andere glücklich machen. Mir fällt spontan der Blumenstrauß für die „Kinofrau“ ein, den du ihr irgendwann mit den Worten „für die vielen schönen Kinoabende, die wir hier haben können“ in die Hand gedrückt hast. Die Gute wusste gar nicht, was sie sagen sollte. So etwas war typisch für dich.

Ich werde auch in Zukunft bei vielen Begebenheiten mit einem Lächeln an dich denken. Sei es bei Frauenchören, bei den Pellkartoffeln fürs Raclette, wenn ich unten das Wasser rein fülle, damit nichts anbrennt, bei Paprikasuppe, der blauen Tasse und dem Weihnachtsteller hier und sicherlich bei zig anderen Gelegenheiten.

Und ich werde dich weiterhin als Vorbild haben, insbesondere für kleine Gesten und praktische Hilfe. Nur beim Krebs, einer weiteren Parallele, da nehme ich dich höchstens als Vorbild für den Umgang damit, den Rest möchte ich mir dieses Mal nicht abgucken. Und wenn doch und wenn es tatsächlich irgendwo irgendwie weitergeht, werden wir sicherlich ne Menge zu bequatschen haben.

Mach’s gut!

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