Autismus und das „Hier und Jetzt“

Das berühmte Hier und Jetzt begegnet einem inzwischen recht häufig. Bei Meditationen, sterbenden…

…Menschen und ihren Angehörigen, im Sport (in abgewandelter Form), usw.

Ehrlich gesagt habe ich das sehr lange für eine Mogelpackung gehalten. Teilweise tue ich das immer noch. Dabei bin ich mir unsicher, ob das nun an meiner „autistischen Denkweise“ liegt oder daran, dass ich ein ziemlich realistischer Mensch bin.

Das Konzept ist mir grundsätzlich schon klar: man konzentriert sich auf das, was aktuell ist und was man sicher gestalten und beeinflussen kann. Die Ziele scheinen mit jedoch unterschiedlich:

  • Bei Meditationen und Achtsamkeitsübungen ist das Hier und Jetzt ein Weg, sich auf sich selbst oder etwas in der unmittelbaren Umgebung zu konzentrieren, um das Ziel der Pause und Ruhe zu erlangen. In diesem Fall aus den Gedanken, dem Stress, den Ängsten oder schmerzen heraus kommen.
  • Bei Sterbenden und ihren Angehörigen scheint das Konzept oft allerdings eher als Verdrängung genutzt zu werden. Man mag sich einfach nicht mit dem Gedanken auseinander setzen, wie es ist, wenn der betreffende Mensch nicht mehr da ist. Oder aber man möchte ein Gespräch damit nicht weiter in die Tiefe der Problematik leiten und lieber ausweichen. Nicht zugeben, dass es sich die Situation sehr wohl unheimlich beschissen (Tschuldigung) anfühlt.
  • „Hippies“, „Tagträumer“, usw nutzen das Hier und Jetzt m.M.n. oft als Ausrede. „Ich lebe im Hier und Jetzt“ klingt ja auch viel besser, als „Ich hab keinen Plan, was ich mit meinem Leben im Zukunft anstellen möchte“. Es ist außerdem einfacher und bequemer, denn für alles andere müsste man sich Gedanken machen und in der Folge etwas tun.
  • Sportler benutzen zwar nicht unbedingt tatsächlich die Vokabel des „Hier und Jetzt“, aber ein „Ich genieße das jetzt erstmal“ oder „Wir denken von Spiel zu Spiel“ läuft aufs selbe hinaus. Die Motivation hier ist, sich eben nicht auszuruhen, weiter akribisch zu arbeiten und obendrein noch, die Erwartungen zu dämpfen.

Im Prinzip zeigt die Auflistung bereits, weshalb ich diesen Ausdruck als Mogelpackung betrachte. Immer, wo das „Hier und Jetzt“ nicht tatsächlich das Ziel eines Prozesses ist, handelt es sich in meinen Augen nur um Euphemismus – und dient damit nur der Verschleierunh einer an sich unschönen oder unerwünschten Situation.

Darüber hinaus fällt es mir schwer, eine Zukunft nicht im Kopf zu haben. Ich habe immer und für alles einen zumindest groben Plan, eine Vorstellung im Kopf. Mein „Film an Möglichkeiten“. Es ist meine Art, zu denken, einfach die Arbeitsweise meines Gehirns und ich wüsste nicht, wie ich es dem Gehirn abtrainieren könnte. Nicht, dass ich es nicht wollte. In manchen Situationen ist es vielleicht schön, Dinge zu verdrängen. Ich weiß es nicht, weil es mir in 99% der Fälle einfach nicht gelingt. Darüber hinaus ist es aus meiner Sicht genau das: Verdrängung. Und wenn „es“ dann soweit ist, trifft es einen umso härter.

Wie gesagt bin ich mir nicht einmal sicher, ob das tatsächlich ein „Autisten-Ding“ ist, oder eher meine ureigenen Eigenart. Vorstellbar wäre für mich, zu lernen, sich sehr wohl Gedanken zu machen, aber diese dann einfach, nach gründlichem Durchdenken, wie eine Art Notiz an sich selbst beiseite zu legen und tatsächlich die Gegenwart mehr zu genießen. Denn letztendlich geht’s ja bei diesem Ausdruck oder Konzept genau darum: das, was gerade real ist, zu genießen und zu schätzen.

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