Masken

Nein, es geht nicht um Karneval oder um Halloween. Es geht darum, dass man als autistischer Mensch oft hört – vermutlich insbesondere die Frauen unter uns – dass man gar nicht autistisch wirkt. Das kann …

an 2 Sachen liegen:

Zum Einen kann es sein, dass beim Gegenüber einfach das Verständnis dafür fehlt, was tatsächlich autistische Eigenschaften sind. Darüber habe ich bereits hier einmal geschrieben.

Zum anderen kann es aber auch daran liegen, dass der autistische Mensch einfach „maskiert“.

Maskieren bedeutet nichts anderes, als sich zu verstellen. Dabei muss es gar nicht um bewusstes Verstellen gehen – viele Masken sind im Laufe der Erziehung und Sozialisation einfach schon automatisiert.

Im Prinzip heißt es also, dass man gelernt hat, sich ständig zu verstellen. Dies sind – je nachdem wie man es sieht – Erfolge der Erziehung, Erfolge durch eine sehr gute Beobachtungsgabe und Umsetzung dessen (etwas, was viele Autisten eigentlich eher als Nachteil empfinden, dass man alles wahrnimmt) oder der unbequeme Weg des „auf die Klappe fallens“ – quasi „Lernen durch Schmerz“.

Insbesondere Verhaltensweisen wie die Hand zu geben, Leute anschauen beim Gespräch und niemanden unterbrechen sind die Klassiker der anerzogenen Masken. Zwar erzieht man sicherlich auch neurotypische Kinder dazu – zumindest denke ich das, vielleicht machen diese es aber auch intuitiv richtig.

Smalltalk fällt eigentlich allen Autisten schwer, die ich bisher kennengelernt habe. Aber einige, mich eingeschlossen, haben es durch Beobachtung gelernt. Auch das Verständnis von Gruppendynamik und ähnliche eher gesellschaftliche Themen beruht zumeist auf einer guten Beobachtung.

Freundschaften aufrecht zu erhalten oder zunächst einmal zu schließen fällt in die dritte Kategorie („Lernen durch Schmerz“). Manche geben hier aber auf, oder es setzt kein Lerneffekt ein.

Generell bedarf es meiner Erfahrung nach einer gewissen Fähigkeit zur Selbstreflexion, um Derartiges zu erlernen. Diese kommt allerdings erst mit zunehmendem Alter. Ich behaupte, wie diese ganzen zwischenmenschlichen Dinge funktionieren, habe ich erst im Alter von 20-30 gelernt.

Jetzt könnte man meinen: Du hast es gelernt, ist doch alles gut.

Ja und nein. Ich sage jetzt mal so (aus meinen Erfahrungen einer Art online Selbsthilfegruppe): der Trend geht zum De-Maskieren.

Warum? Nun, dieses ganze Maskieren frisst Ressourcen, selbst wenn es automatisiert ist. Alles, was bei neurotypischen Menschen intuitiv gemacht wird, also ohne darüber nachzudenken, muss bei neurodiversen Menschen (also auch Autisten) vom Gehirn erledigt werden. Bei Vorliegen einer gewissen Intelligenz also möglich, jedoch ist dadurch ein hoher Energieaufwand nötig. Auf der anderen Seite fehlt die Kapazität dann natürlich auch für andere Sachen. Wenn das Gehirn also beispielsweise damit beschäftigt ist, herauszufinden, wann ein guter Zeitpunkt bei einem Gespräch ist, um etwas zu sagen, ohne zu unterbrechen, kann es sich nicht mehr oder weniger auf die Inhalte konzentrieren. Ganz einfach, ganz logisch. So ist es natürlich auch mit anderen Situationen. Auch das reflektieren von Begebenheiten, um sie zu analysieren und daraus zu lernen – oder auch um sich auf eine kommende Situation vorzubereiten – muss vom Gehirn erledigt werden.

Das alles ist ermüdend. Ich nehme an, jeder kennt es vom Lernen: irgendwann hat man das Gefühl, der Kopf platzt.

Wenn das Gehirn nun aber laufend mit „Nebenkriegsschauplätzen“ beschäftigt ist, zusätzlich zur eigentlichen Aufgabe, ermüdet es bzw. die Person sehr viel schneller (und dem Aspekt der Filterschwierigkeiten haben wir dabei noch nicht einmal mit einbezogen).

Auf Dauer zu maskieren führt mit zunehmendem Alter auch erwiesenermaßen zu gesundheitlichen Problemen. Möglicherweise bin ich (und auch meine Familie) dafür ein gutes bzw. abschreckendes Beispiel.

Generell ist zu beobachten, unabhängig davon ob jemand neurotypisch oder neurodivers ist, dass die geistige Leistungsfähigkeit im Alter eher abnimmt. Älteren Studierenden z.B. fällt das Lernen nicht mehr so leicht, wie dem 20 jährigen Studienanfänger. Dementsprechend ist es logisch, dass auch das Maskieren mit zunehmendem Alter schwieriger wird bzw. zu Gesundheitsschäden führt, wenn es um Automatismen geht.

Ich habe für mich selbst nun diese Erkenntnis gewonnen, weiß, dass ich viel maskiere, aber weiß noch nicht, ob und wie ich versuchen soll, diese Masken abzulegen. Das geht auch gar nicht von heute auf morgen.

Es bleibt – wie immer – spannend.

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