Die Sache mit den Löffeln

So, ein paar Tage war echt Flaute bei mir. Ich bin derzeit sehr leicht reizüberflutet und k.o., insbesondere, wenn…

…ich mit irgendwas überfordert bin.

Seit ein paar Tagen beschäftige ich mich daher aus gegebenem Anlass mit der Spoon-Theory (zu deutsch: Löffeltheorie).

Die Spoon Theory entstand aus dem Versuch einer chronisch Kranken ihrer Freundin zu erklären, wie es sich anfühlt, chronisch krank zu sein. Da sie im Restaurant saßen, wurden die Löffel das zentrale Element. Genauer erklärt ist dies hier (Englisch) und hier (Deutsch).

Inzwischen ist es für viele chronische Erkrankungen, aber auch für Autisten in Anwendung. Bei mir trifft beides zu – vielleicht hat mich das Konzept deshalb so angesprochen.

Es geht also im Wesentlichen darum, dass man die Aktivitäten, Aufgaben und Situationen, die man bewältigen muss und die einen erschöpfen, zunächst identifiziert und dann einteilt. Morgens aufzustehen kostet insbesondere bei chronischen Erkrankungen schon einmal Kraft. Bei Autisten ist das vielleicht weniger kritisch, dafür ist aber evtl. der Aufenthalt in der Sonne ein Thema, das Kraft kostet, weil es zu Reizüberflutungen führt. Diese ganzen „Energiezehrer“ sortiert man – je nachdem, wie sehr einen die Aktivität schlaucht – in Kategorien. Ein einzelner Löffel für Dinge, die zur Erschöpfung beitragen, insbesondere in ihrer Summe, aber nicht soooo wild sind, vergeben. Es sind Dinge, für die man sich explizit aufraffen muss. Bei mir ist es sowas wie Aufstehen, Anziehen, Mittag essen, Wäsche sortieren, usw. Dinge, die für neurotypische und gesunde Menschen wohl eher „im Vorbeiflug“ passieren.

Die höchste Kategorie kann 4 oder gar 5 Löffeln für so „mega anstrengende“ Sachen, wie Familienfeier, Arbeit ö.ä. enthalten.

Für das gesamte Kontingent eines Tages gibt es unterschiedliche Angaben: 20-25 für „normale“ Menschen und so ca. 12 für leistungsgeminderte Menschen. In einem nächsten Schritt gilt es also herauszufinden, welchen Vorrat man pro Tag an Löffeln haben kann. Das ist schon etwas schwieriger, finde ich. Ich muss mich da erst einmal rantasten und bin damit noch nicht fertig.

Letztlich hilft das gesamte Konzept, seine Leistungsfähigkeit einzuschätzen, greifbar zu machen – z.B. für andere – und mit seinen Kräften durch geschickte Planung besser zu haushalten.

Natürlich ist die Erkenntnis, was einen über Gebühr belastet und erschöpft, zunächst hart, denn man kommt schnell zu einem Vergleich mit anderen Menschen.

Es ist aber ein wichtiger Schritt zur Erkenntnis, wieviel man sich realistisch zutrauen kann und wie man sich davor schützt, sich selbst zu überfordern. Es ist also eine Art Frühwarnsystem oder auch Planungsinstrument.

Dass hier Löffel als Angabe dienen, ist einfach dem Zufall in der Entstehung geschuldet. Es hätten auch Glasmurmeln oder lud Ballons sein können. Wichtig ist nur die Idee dahinter: sich selbst zu reflektieren, seine Leistungsminderung zu akzeptieren und zu lernen, damit umzugehen.

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9 Gedanken zu “Die Sache mit den Löffeln

  1. Man kann auch die Kapazität von Powerbanks nehmen. Und Prozessoren unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz. Haben normale Menschen Energieeffizienzklasse A, so habe ich eher C. Und einen Akku, der nur 7500 mAh fasst statt der üblichen 10.000. Also ist mein Akku schneller leer als üblich. Bin nicht faul, nur schneller erschöpft.

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    • Und trotzdem bin ich damit gescheitert, es anderen begreiflich zu machen. Wie mache ich begreiflich, dass das Normal der anderen mit Vollzeit-Stelle plus Haushalt plus Sozialleben mich früher oder später in den Burnout treibt. Und überhaupt arbeiten, etwas produktiv tun. Ich habe ja festgestellt, dass es noch ein paar unsichtbare Energieräuber gibt. Die langfristig abzustellen, ist die Hauptbewandtnis meiner nächsten Pläne. Im Kopf zu vieler ist nicht vorgesehen, dass eine Biographie ein einziger Scherbenhaufen ist, dass es nicht immer gelingt, aus dem tiefsten Loch stärker hervorzugehen, dass nicht alle gleichermaßen leistungsfähig sind, dass ich aus ganz anderen Dingen Kraft (körperlich und seelisch) ziehe. Es will zu vielen nicht in den Kopf rein, dass zukünftige Aktivitäten noch nicht durchgeplant sind. Dass die dafür nötigen Kontakte in mehrfacher Hinsicht eine Ressourcenfrage sind (Zeit, Geld, Energie, Organisation) – kommt nicht vor. Dass ich „von den paar Stunden in der Woche“ ausbrennen kann (Stichwort unsichtbare Energieräuber) – unvorstellbar. Nicht verstehen wollen, wie das miteinander zusammen hängt. Man müsste mir ja mal länger ehrlich interessiert zuhören, sich für mich als Mensch interessieren, nicht als Leistungsträger.

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    • Ja, ich verstehe das vollkommen.
      Vermutlich liegt es am gesellschaftlichen Verlangen, sich mit anderen und auch andere untereinander zu vergleichen. Zeugnisse sind z.B. nichts anderes als Vergleiche. Ich denke, dahinter steht der Wunsch, eine gewisse Ordnung herzustellen, alles durchschaubarer zu machen.

      Leider fehlt das Verständnis für Abweichungen. Vielleicht machen sie auch einfach Angst.

      Blöd nur, dass es auch nicht Sichtbares gibt, was evtl dazu dienen könnte, Verständnis herzustellen. Bei anderen Einschränkungen (Arm ab, Bein ab, o.ä.) sieht man was und das ist greifbarer.
      Bei Dingen, bei denen man anderen Menschen glauben muss, siegt einfach das Misstrauen…

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    • Darf ich mich da kurz einklinken?
      Vielleicht verstehen manche Leute das Akku-Beispiel nicht gut? Die Akkuleistung kann man ja optimieren, je nach Lade- und Verbrauchsgewohnheiten. Löffel sind einfach Löffel; das Fassungsvermögen bleibt stets dasselbe.

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    • Ich denke eher, dass die erwarten, ich solle meinen Prozessor optimieren, dass er nicht mehr so viel Akkuleistung frisst. Versuche ich doch. Aus Effizienzklasse C wird aber trotzdem in einem bestimmten Kontext niemals Klasse A, sondern höchstens B, und selbst dann muss ich immer wieder nachjustieren. Die sehen halt, dass ich eine gewisse Rechenkapazität habe, aber nicht, dass der Prozessor schnell heiß läuft. Passiert das öfter, fahre ich auf Verschleiß. Und Akkuoptimierung geht auch nur begrenzt. Und nein, ich kann nicht darüber bestimmen, was meinen Akku wieder aufladen kann. Den Stecker für das Ladegerät bzw. die Auflademethode kannst du bei deinen Geräten schließlich auch nicht beliebig bestimmen.

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    • Das denk ich auch, dass das die Erwartungshaltung ist.
      Deshalb find ich eben das Essbesteck ein gutes Beispiel. Das wird nicht optimiert, sondern ist einfach, wie es ist.

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  2. Und vielleicht auch Verletzlichkeit = Schwäche, Schwäche = kein Existenzrecht. Dass eine Utilitaristische Philosophie dominiert – entweder jemand ist nützlich oder ein Schmarotzer. Dass mir jemand als Mensch etwas bedeutet, darum, weil er/sie eine einzigartige Geschichte zu erzählen hat, wissen manche nicht zu schätzen, glattgebügelte Lebensläufe und Musterdatenblätter sind hochgradig langweilig. „Mit jedem Menschen stirbt eine Welt.“ War das sogar aus dem Talmud? Jetzt nicht sicher. Aber so empfinde ich es. Alle reden von Einzigartigkeit meinen „Marktlücke besetzen“, nicht vom Menschen um seiner selbst wilen. Schrecklich.

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