„Das merkt man gar nicht“

Wie oft habe ich das schon gehört, wenn ich mich als Autistin quasi geoutet habe.

Dass dem so ist, heißt aber nicht lange nicht, dass da nichts dran ist und das nur eine Mode-Diagnose war.

Vielmehr ist es das Ergebnis ermüdender Vorgänge in meinem Kopf. Was „neurotypische“ Menschen intuitiv machen und irgendwie auch intuitiv wissen, wie es geht, musste ich durch sehr viel Beobachtung und Analyse lernen.

Das, was andere aus der Situation heraus machen, spontane Reaktionen, habe ich nächtelang geübt. Ich sehe in meinem Kopf das, was ich denke und fühle als Film. Ich denke in (bewegten) Bildern. Alles, was ich tue, denke und plane ich voraus. Als Kind, Jugendliche und auch heute teilweise noch bin ich abends immer alle Situationen des Tages durchgegangen. Alles, was „anders“ war, als sonst, oder neu, oder was ich nicht verstanden habe. Ich bin dann unterschiedliche Varianten, wie das Geschehene nun weitergeht, durchgegangen. Was sage ich, was sind mögliche Reaktionen der anderen, usw. Auch vor anstehenden Ereignissen, Arztbesuchen, Ausflügen mit anderen, Treffen usw. war das so. Im Laufe der Zeit habe ich mir so ein Reaktionsset angeeignet und durch ausprobieren und Rückmeldungen verfeinert. Je öfter etwas funktionierte, desto sicherer wurde ich. Größtenteils läuft inzwischen also ein Automatismus, der sich auch für mich „normal“ anfühlt. Trotzdem muss ich natürlich öfter mal etwas anpassen – auf neue Leute, neue Situationen, usw. Ich bin schließlich nicht mehr 10 oder 16 oder 23 und auch meine Umgebung ist selbstverständlich anders.

Aus diesem Grund erschöpfen mich viele vermeintlich alltäglichen Dinge, wie Arztbesuche (die spiele ich vorher und hinterher tatsächlich x Mal durch), Treffen mit Freunden, der Einkauf, eigentlich alle sozialen bzw gesellschaftlichen Zusammenkünfte – und das zunächst einmal auch unabhängig von äußeren Einflüssen, wie Helligkeit, Geräusche, usw. Diese machen es dann noch anstrengender.

Ein Schultag hat mich früher geschlaucht. Nach 6 Stunden war ich platt. Ganztagsschule, wie es sie heute gibt, hätte ich nicht geschafft. Nach der Schule brauchte ich minimum 2 Stunden, zum Runterkommen.

Das Schülerpraktikum hat mich richtig fertig gemacht. Neue Umgebung, langer Tag, ständig neue Leute und neue Aufgaben… Als mein Stiefsohn im letzten Jahr seines gemacht hat und total k.o. und auch etwas geschockt war, wie sich „Arbeit“ anfühlt, konnte ich das so gut nachvollziehen! Genau so ging es mir.

Die Ausbildung und später dann das Vollzeit arbeiten machten mich müde. Unter der Woche habe ich im Haushalt quasi nichts geschafft, freitags sah ich immer zu, früh Feierabend zu machen und zog mich dann oft mit Junkfood und Rechner/TV/Büchern ins Bett zurück. Samstags wurde dann der Haushalt geschmissen.

Natürlich gewöhnt sich auch ein Autist ein wenig an alles. Der grundsätzliche Tagesablauf ist irgendwann drin und macht einen Tag ein bisschen berechenbarer, was das interne Stresslevel senkt. Aber wie vermutlich bei „normalen“ Menschen, dass nur Termindruck oder die Stimmung auf der Arbeit Stress machen – so einfach wurde es nie. Im Gegenteil hatte ich im Job oft neue Situationen, neue Personen, mit denen ich zu tun hatte. Ich musste wieder „Filme im Kopf drehen“, die mir nun auch dabei helfen mussten, zu verstehen, wir Kommunikation und Politik in Projekten und Unternehmen läuft. Nicht immer ist mir das gelungen und ich habe mich das eine oder andere Mal in die Nesseln gesetzt, wie es so schön heißt.

Was ich eigentlich sagen will: dass man mir nicht unmittelbar etwas anmerkt ist gut so. Es ist das Ergebnis von Planung, Ausprobieren, Scheitern, Erfolg und viel Hirnleistung. Und es ist insgesamt vor allem eins: anstrengend!

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12 Gedanken zu “„Das merkt man gar nicht“

  1. Die „Leute“ denken fast automatisch an Rainman oder Sheldon… da kommen sie bei dir erst gar nicht auf die Idee, oder? Und wenn du dann noch so gut angepasst bist 🤷‍♀️
    Find ich wichtig, dass du drauf hinweist, wie anstrengend das eigentlich ist!

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