Belastbarkeit – Update zur Fatigue

An der „Krebsfront“ ist bisher alles ruhig geblieben. Trotzdem bin ich nun seit über einem Jahr Zuhause, da die Fatigue dazu führt, dass total normale Dinge mich müde und erschöpft machen.

Meine Ärztin hat mich daher im April 2019 „aus dem Verkehr“ gezogen, nachdem ich mich arbeitstechnisch völlig überfordert habe und auch irgendwann eine Bugwelle an To-Dos vor mir her schob. Ich habe zwar meinen Job bis dahin zur Zufriedenheit des Kunden zuende gebracht, aber habe dafür wesentlich länger gebraucht als meine Halbtagsarbeit und außer essen und schlafen auch keinerlei Energie für etwas anderes gehabt. Weder für den Haushalt, noch für das Kochen, Sport, Hobbies, usw. Ich war ein bisschen wie ein Zombie.

Die erste Zeit zu Hause war ungewohnt – ich fühlte mich deplatziert, ein bisschen nutzlos und irgendwie „ausgegrenzt“. Wie ein Kind mit Gipsbein auf dem Spielplatz auf der Bank… Nach einem Vierteljahr, in dem ich viel auf dem Sofa gelegen und „gedaddelt“ habe, merkte ich langsam, wie sich der Druck etwas löste. Ich wurde ruhiger und hatte langsam wieder Energie für zumindest ein normales Rentnerleben, wenn man so will. Vielleicht hat auch die Ergotherapie dazu beitragen. Dort habe ich einiges ausprobiert, auch Entspannung. Manchmal habe ich mich gefragt, was mir das alles bringt, aber ich denke schon, dass es dazu beitragen hat, etwas runter zu kommen.

Das zweite Halbjahr 2019 habe ich mir dann vorgenommen, neue und alte Hobbies wiederzuentdecken und die freie Zeit für mich zu nutzen. Ein kleines bisschen ist mir das auch gelungen, wenngleich das Sinnstiftende fehlt. Körperlich bin ich zunächst ein bisschen belastbarer geworden, sodass ich das für die Rezidiv-Prophylaxe notwendige Sportpensum in Angriff nahm.

Zu Jahresbeginn dachte ich, ich bin wieder ziemlich fit und steigerte das Sportpensum leicht. Ich habe angefangen, meine Französischkenntnisse abzustauben und immer mehr über Möglichkeiten des Wiedereinstiegs in die Arbeitswelt nachgedacht. Ab Ende März wurde ich aber wieder müder und müder. Fast jeden Nachmittag schlafe ich zwischen 20 und 120 Minuten und frage mich dann oft, wovon ich eigentlich müde bin. Trotzdem habe ich immer weiter nach sinnstiftenden Beschäftigungen gesucht.

Vor 3,5 Wochen hat meine Psychoonkologin mich dann gebeten, aufzuschreiben, was ich wieviel am Tag mache. So habe ich dann 3 Wochen lang Buch geführt. Klavier üben, Französisch-Vokabeln lernen, Staub wischen, Blogbeiträge schreiben, Wäsche waschen, usw. – alles habe ich genau aufgeschrieben. Das Ergebnis war ernüchternd. Obwohl sogar notwendige Dinge wie Wäsche und ein leichtes Sportprogramm dabei waren, kam ich an vielen Tagen nicht über 2,5-3 Stunden gesamte Zeit hinaus. Einige Aktivitäten konnte ich tatsächlich manchmal mehr als 30 Minuten am Stück ausüben, allerdings war das auch eher die Ausnahme. Im Schnitt würde ich sagen ist nach spätestens 30 Minuten eine Pause nötig – egal bei was.

Man sieht also – und das muss auch ich wohl erstmal so hinnehmen – dass ich mir nicht wirklich ernsthaft Gedanken um einen Wiedereinstieg machen sollte, denn davon bin ich aktuell doch wirklich noch sehr weit weg.

Ich denke und vermute, dass ehrgeizige Menschen dazu neigen, sich selbst und ihre Belastbarkeit zu überschätzen. Einfach, weil es irgendwann schon einmal ging, weil andere das auch schaffen oder weil es ohne einfach langeweilig ist.

Nun muss ich mich wieder etwas zurücknehmen, auf einer anderen Ebene, nämlich dem sturen „unbedingt Wollen“, noch das „Runterfahren“ lernen und Geduld mir selbst gegenüber zeigen. Letzteres gehört nicht zu meiner Stärke, aber ich mutmaße, dass ich damit nicht alleine bin.

Für die nächste Zeit hat mir meine Psychoonkologin geraten, keine To-Do-Listen zu nutzen. Ich hatte in letzter Zeit eine Wochenliste, die aber insbesondere in Wochen, in denen ich weniger belastbar bin (bspw durch Schlafstörungen, Wetter, etc.) Druck erzeugt hat, statt zu helfen. Ich versuche es also mit einer Erfolgsliste und vielleicht doch mit einem Zufallsprinzip, wenn ich etwas machen möchte – da bin ich noch am experimentieren, also dazu irgendwann später mehr.

Nutzt gerne die Kommentarfunktion für Tipps und Tricks, die ihr zu dem Thema habt!

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6 Gedanken zu “Belastbarkeit – Update zur Fatigue

  1. Versuche vielleicht mal, deine To-Dos nach „Notwendig“ und fakultativ zu trennen. Notwendig ist alles, damit du nicht verhungerst und nicht komplett verwahrlost. Und vermerke, wenn du über die reine Lebenserhaltung hinaus gekommen bist. Nur eine Idee.

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    • Da hab ich auch schon drüber nachgedacht. Als „Listenfreak“ also zumindest eine Liste für das, was WIRKLICH nötig ist pro Woche – einfach, damit man es nicht vergisst. Wäsche waschen, Blumen gießen, Therapietermine… Und alles andere so nach Lust und Laune / Zufallsprinzip machen.

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    • Dir bei den nötigen Dingen aufschreiben, wann sie zwingend erledigt werden müssen. Zum Beispiel muss ich zwingend mindestens einmal aller 7 Tage einkaufen, weil ich nicht mehr auf einmal in meinem Rucksack unter kriege. Für die Blumen ein fester Gießrhythmus. Wäsche waschen: Wie lange kommst du so mit deinem Kleiderschrank hin? Ich so fünf bis sechs Wochen. Also nach 6 Wochen muss ich spätestens wieder waschen. Dir das so in einen Kalender eintragen. Erfolg wäre dann, das nicht auf den letzten Drücker erledigt haben.

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    • Die Wäsche ist bei uns das, was ich außer Staubwischen und Blumen gießen hier im Haushalt tun kann. Ist alles wenig verletzungsanfällig. Wir kämen auch lange mit der Wäsche hin – aber damit das dann nicht so viel auf einmal wird, ist mein Anspruch schon, dass ich das wöchentlich mache. Das klappt auch an sich.

      Vermutlich muss ich einfach lernen, mit dem Mindestprogramm auch mal zufrieden zu sein, statt immer nach einem guten Tag dieses sofort immer haben und schaffen zu wollen…

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    • Ich habe noch eine Idee für ein To-Do. Ich habe einen Tag in der Woche, wo bei mir nur auf der Liste steht PAUSE. Also gar nichts. Ganz bewusst.

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    • Das hatte ich bei meinem Wochenplan für sonntags im Hinterkopf, aber letztlich habe ich sonntags alles das gemacht, was offen blieb die Woche über. Insofern wäre das eine gute Idee, das fest einzuplanen 👍🏻

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