Die Frage nach dem Nachwuchs

Spätestens, wenn man mit Mitte 30 noch keine Kinder hat, kommen komische Fragen.

Gesellschaftlich ist „keine Kinder bekommen können“ oder aus gesundheitlichen Gründen keine bekommen dürfen offenbar als Grund „erlaubt“ – keine wollen irgendwie nicht. Selbst keine Kinder zu wollen, weil da ganz sicher ein oder möglicherweise sogar zwei Aspies bei rauskommen würden, ist irgendwie gesellschaftlich nicht anerkannt.

Insofern ist die Begründung mit dem Krebs/der Antihormontherapie inzwischen bei mir die Begründung der ersten Wahl.

Ich frage mich allerdings, woran das liegt. Ich hatte zuerst an „dafür kann niemand etwas“ gedacht, aber für Autismus kann man ja noch weniger. Bei Krebs kann man manchmal zumindest durch einen gesunden Lebensstil vorbeugen. OK, hat mir persönlich auch nichts geholfen. Genetisch ist es bei mir auch eher nicht – keine Ahnung, wo der herkam. Zumindest sollte das kein Grund sein.

Die zu erwartenden Einschränkungen für alle Beteiligten sind offenbar auch kein Grund, sonst wäre beides für alle gleich verständlich.

Es scheint also darum zu gehen, dass eine Frau selbst körperlicher Gefahr ausgesetzt wäre oder körperlich schlichtweg nicht in der Lage ist, was eine allgemein akzeptierte „Ausrede“ angeht. Ob und inwieweit es für das mögliche Kind schwer wird, ist dagegen offenbar irrelevant.

Ich sehe ein, dass man zunächst nur für sich selbst entscheiden kann – aber man hat auch eine Verantwortung für seine Kinder, ob nun vorhandene oder möglicherweise erst noch entstehende Kinder. Und bei mir war nun einmal die Wahrscheinlichkeit groß, dass es autistische Zwillinge gegeben hätte. Das wäre für uns, zumal nicht mehr ganz taufrisch, in der heutigen Zeit, wo Kinder irgendwie zum privaten Statussymbol geworden sind und Objekte des Wettrüstens sind, einfach nicht zu bewältigen. Trotzdem zählt dies oftmals nicht als Begründung für Kinderlosigkeit. „Ach naja, du bist ja auch groß geworden…“ Ja. Bin ich. Mit einem Profi als Mutter (Erzieherin), als Einzelkind und vor 40 Jahren. Die Gesellschaft funktioniert heute aber anders. Ich wäre mindestens 15 Jahre älter gewesen, als meine Mutter mit mir war. Und mit Ende 30 ist man schon als gesunder Mensch weniger belastbar, als mit Mitte 20.

Nein, für mich wäre das nichts. Kinder sind okay, aber es ist auch schön, wenn sie wieder nach Hause gehen nach einer Weile. Insofern hätte ich auch nichts dagegen, Stiefoma zu werden – das Kind / die Kinder können ja wieder zu ihren Eltern geschickt werden.

Und ich muss auch sagen, dass mir mein Stiefsohn auch „reicht“. Ich habe zwar (zum Glück) die Windel-, Rotz- und Trotzphase verpasst, aber ab der 5./6. Klasse war ich dabei. Und man muss ja auch ein paar Jahre abziehen für den Autismus. Ich behaupte also, dass ich durchaus ein wenig mitreden kann, so kindertechnisch. Dem „Komplettprogramm“ trauere ich allerdings nicht wirklich hinterher.

Einzig für meine Eltern hätte ich mir Enkel gewünscht. Das wäre sicherlich schön gewesen – allerdings habe ich auch da Signale à la „muss jetzt auch nicht unbedingt mehr sein“ empfangen.

Insofern ist für uns alles gut. Trotzdem traue ich mich oftmals nicht, ehrlich zu sagen „Wir sind glücklich und zufrieden ohne Kinder und freuen uns im Laden, wenn wir rotzblasige Kleinkinder sich auf dem Boden wälzen sehen, dass es nicht unsere sind.“ Wie gut, dass ich noch den blöden Krebs vorschieben kann…

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7 Gedanken zu “Die Frage nach dem Nachwuchs

  1. Kleinstadt und praktischerweise Kreisstadt, aber mit wenig Ausgehmöglichkeiten, kein Kino, ein Freibad (voll), wenig Alternativen zu klassischen Konzerten, kein Bahnhof. Größter Arbeitgeber: Das Landratsamt, viele kleine und mittlere Betriebe.

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    • Ach herrje – Kreisstadt ohne Bahnhof? Sowas gibt’s?

      Die nächste Stadt hier ist auch Klein- und Kreisstadt, allerdings mit sogar 2 Bahnhöfen. Überhaupt: ich bin im Dreieck von 3 Städten, 2 davon Großstädte, insofern geht’s noch. Ist hier auch insgesamt zwar provinziell, aber alles andere als strukturschwach. War ne gute Idee meiner Eltern vor 31 Jahren hier her zu ziehen – dort, wo ich die ersten 10-11 Jahre verbrachte, wäre es auch eher Essig…

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  2. Ich werde auch ab und zu gefragt. Meine typische Antwort: Da bräuchte ich erstmal den passenden Vater dazu. Der ist leider nicht in Sicht. Männliche Freunde haben leider alle selbst eine offensichtliche Behinderung. Die in mindestens einem Fall auch vererbt werden kann. Also schlecht. Das wird mir so zum Glück abgenommen. Ach ja: Vorschläge, wo ich Kerle kennen lernen könnte, gibt es gratis dazu. Dumm nur, dass die durchgehend nicht aspietauglich sind. Disko, Dorffeste, Zeltlager, christliche Kuppel-wochenenden. Einen Kirchentag haben neue Bekanntschaften bislang auch nicht überdauert. Im besten Fall, weil ich nicht rechtzeitig nach Kontaktdaten gefragt habe. Tja, Mist.

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    • Oh ja, derartige Vorschläge kenne ich. Für mich wurde sogar mal eine Kontaktanzeige aufgegeben von Freunden. Nun ja…

      Letztlich habe ich meinen Mann auf der Arbeit kennengelernt. Glücklicherweise bin ich ja über Umwege in der IT-Branche gelandet – da ist die Chance irgendwie größer, einfach vom Typ her.
      Allerdings war ich zum Zeitpunkt des Kennenlernens auch schon eher Ende als Mitte 30..

      Hmm. Wenn ich jetzt „gefällt mir“ drücke – dann, weil es mir gefällt, dass du einen Kommentar hinterlassen hast. Natürlich nicht, dass du auch Schwierigkeiten hast, jemand passendes zu finden.

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    • Bei uns geht’s schon damit los, etwas besseres als Supermarkt-Aushilfe als Arbeit zu finden. Ohne Auto ist das besterreichbare Jena – und das auch nur bedingt. Geschweige denn Leipzig oder Erfurt, wo ich vielleicht erfolgreicher wäre.

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    • Ohne Auto wäre ich hier auch aufgeschmissen. Es gibt zwar eine Busverbindung, aber da wäre ich dann ewig unterwegs.
      Früher in der Stadt zu leben war aber auch keine Option mehr – in der Wohnung war mir irgendwann das Drumherum doch zu laut. Obwohl ich in einer ruhigen Ecke gelebt habe – aber 65-70 Wohnungen im Haus wurde dann irgendwann zu viel, nachdem viele ältere Menschen wegzogen oder verstorben sind und die Wohnungen dann von allerhand teils merkwürdigen Gestalten bezogen wurden.
      Aber ohne Auto wäre ich wohl nicht aufs Dorf gezogen.

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