Autisten und Musikinstrumente

Kurz nach meiner Diagnose, bzw. zwischen dem ersten Verdacht seitens des Autismuszentrums und der Diagnostik in der Autismusambulanz, habe ich mir – teilweise gemeinsam mit meinen Eltern – Gedanken über so ziemlich alle Schwierigkeiten oder Besonderheiten in meinem bisherigen

Leben gemacht. Und selbst Dinge, die früher nur Achselzucken am Rande verursacht hatten, machten plötzlich Sinn, weil sie vor dem Hintergrund des Autismus irgendwie logisch erschienen.

So verhält es sich auch mit dem unterschiedlichen Erfolg beim Erlernen von Instrumenten.

Ich muss dazu sagen, dass ich aus einer recht musikalischen Familie komme und aufgrund dessen, dass alle „aktive Schäfchen“ in ihren jeweiligen Kirchengemeinden waren, auch viel Kontakt mit Musik bestand. Folgerichtig saß ich schon früh auf Orgelbänken, denn meine Onkels hatten beide eine Heimorgel. Natürlich wollte ich auch Orgel spielen. Vorweg musste ich aber den Klassiker – Blockflötenunterricht – über mich ergehen lassen. Letzteres deshalb, weil ich zunächst Gruppenunterricht an der Musikschule hatte. Es war überwiegend ein Graus für mich – nicht, weil ich keinen Erfolg gehabt hätte oder Flöte nicht mochte – ganz im Gegenteil. Die anderen Kinder (ich kann nicht einmal sagen, wieviele, ich meine wir waren so zu fünft oder sechst), deren Unfähigkeit und das langsame Lerntempo raubten mit den letzten Nerv. Wenn man dasselbe Problem schon in der Schule am Vormittag hat, ist es am Nachmittag, noch dazu wenn gemeinsam gespielt wurde, umso härter. Dazu kommt, dass es mir in den Ohren geradezu physisch weh tat.

Nach einer Weile bekam ich dann glücklicherweise auch Einzelunterricht von privat. Eine Wohltat für meine Ohren und für mein Hirn.

Mit ca. 8 Jahren durfte ich mit Orgelunterricht anfangen, da meine Finger dann als gerade ausreichend groß befunden wurden. Leider durfte ich nicht mit Kirchenorgel bzw im Stil der Kirchenorgel beginnen, sondern erstmal Heimorgel. Mit 10 bzw 11 Jahren legte ich dann mit Chorälen los und lernte sakrale Musik spielen. Das klappte sehr gut. Die Orgel war immer meine Art, mich abzureagieren, wenn ich reizüberflutet war oder Ärger hatte. Ich vermute, dadurch, dass ich mich auf eine Sache fokussiert habe und auch immer einen Wettstreit mit mir selbst geführt habe (noch schneller, noch weniger Fehler, usw), baute ich allen anderen Stress ab.

Mit 14 begann ich mit Cellounterricht. Hier ging alles deutlich langsamer voran, obwohl ich ja den theoretischen Teil schon konnte. Zunächst haben wir es alle darauf geschoben, dass ich kurz vor Beginn des Cellounterrichts einen Kapselriss im rechten Daumen hatte und sie das Halten und Führen des Bogens erst später begonnen werden konnte und immer irgendwie Probleme machte.

Nach ein paar Jahren mit insgesamt im Vergleich zu anderen Celloschülern mäßigem Erfolg, hörte ich auf. Später nahm ich dann nochmals Unterricht. So richtig vom Fleck kam ich ab einem bestimmten Punkt aber nicht.

Heute ahne ich, weshalb. Es ist einfach ein äußerst „unkonkretes“ Instrument. Bei der Blockflöte hat man Löcher, die man zu-/aufdeckt. Alle Finger drauf: c, kleiner Finger rechts hoch: d, usw. Bei der Orgel ist es noch systematischer, da sich in allen Oktaven die Tasten gleichen. Beim Cello dagegen ist da nur eine Saite und man weiß zwar irgendwann in etwa, wo da der Ton sein könnte, aber eben nie 100% genau, sodass man sich oft in den Ton hinein korrigiert. Ebenso gibt es denselben Ton an mehreren Stellen auf dem Instrument. Bei der Orgel gibt es (wenn man unterschiedliche Register mal außen vor lässt) nur eine einzige Taste für ein c“. Diese Variabilität und die unterschiedlichen Möglichkeiten, ein und dasselbe Stück zu spielen bzw. denselben Ton in unterschiedlichen Stücken mit anderen Griffen – daran bin ich gescheitert. Für alle Insider: das Lagenspiel. Ich kam nie wirklich über die erste Lage hinaus…

Merke 1: Es scheint für Autisten erfolgversprechender zu sein, ein Instrument zu lernen, bei dem ein Ton auf genau eine Weise zustande kommt.

Ein weiterer Knack- bzw. Scheiterpunkt ist die Koordination. Beim Blockflöte spielen machen die Finger von der Sache her dasselbe und es sind nunmal dieselben paarweisen Körperteile.

Beim Orgelspiel ist das anfangs genauso – solange, bis die Füße dazu kommen. Die machen zwar etwas Ähnliches, wie die Hände, aber es sind nun einmal keine Hände. Dazu kommt, dass es insbesondere für kleine Menschen echt anstrengend ist. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, dass ich am Pedal-Spiel gescheitert bin.

Beim Cello nun wird es ja ganz verrückt: eine Hand greift, die andere hält bzw streicht mit dem Bogen. Zusätzlich zum wenig konkreten Auffindeort der Töne, war das der weitere Grund für das Scheitern an dem Instrument.

Merke 2: Es ist einfacher, ähnliche oder gleiche Bewegungen durchzuführen, insbesondere für Autisten, die mit der Koordination Probleme haben.

Und ein dritter Punkt, der zumindest ein wenig mit dem ersten zu tun hat, ist die Einrichtung der Noten. Beim Cello und auch bei der Orgel braucht man Fingersätze. Bei der Orgel hängt das natürlich an den Tasten und vieles ist intuitiv. Die „Freiheitsgrade“ sind also beschränkt. Beim Cello dagegen konnte ich einen mir vorgegebenen Fingersatz zwar irgendwie nachvollziehen, aber selbst das Stück einrichten und einen Fingersatz überlegen – dazu waren es definitiv zu viele Unbekannte…

In der vierten Runde der „Musik-Karriere“ habe ich mich dann an die Chorleitung gewagt. Da ich zu dem Zeitpunkt ungefähr 5 Jahre in diversen Kirchenchören mitgesungen hatte, war dies eine für mich logische Entwicklung. Und schlussendlich bin ich in dem Bereich mit einem B-Schein tatsächlich am besten ausgebildet. Es kostete mich natürlich viel Überwindung vor den Leuten zu stehen – insbesondere in den Proben, wo man auch sozial interagieren muss – war das oft alles andere als einfach. Und es war oft anstrengend und braucht viel Vorbereitungszeit, aber trotzdem ist es das, was ich am Besten konnte – und, wenn nicht der Zeitaufwand da wäre und eine gewisse Regelmäßigkeit erfordert, auch das, was ich am liebsten gemacht habe. An der Stelle ist es tatsächlich ein bisschen schizophren, wenn man davon ausgeht, dass ich es als Autist gerne planbar und beeinflussbar habe, denn genau das hat man bei Chorleitung eben nicht. Deshalb bin ich hier auch am Ende mit meinem Autismus-Musik-Latein. Einzig, dass ich meine schon ziemlich gute Auffassungsgabe gepaart mit Wissen dort richtig einbringen konnte würde als Erklärung Sinn ergeben. Es war vermutlich die einzige echte Herausforderung, bei der ich ausgelastet war. Schule, Ausbildung und Studium waren da weniger herausfordernd.

Geblieben ist leider die „ich höre alles und habe sofort einen Plan im Kopf“-Macke, die mich daran hindert, in einem „normalen“ Chor oder einem Chor mit „normalen“ Chorleiter zu singen. Ich habe es ausprobiert – es geht nicht. Die Chorleiter ohne adäquate Ausbildung oder auf einem bescheideneren Level haben oftmals Defizite in der Problemerkennung und/oder Problemlösung. Bspw. werden keine Übergänge geübt, ungeeignete Silben bei der Probe schwieriger Stellen in einzelnen Stimmen verwendet oder die Stimmung passt nicht. Das alles fällt mir dann auf und man kann ja schlecht dazwischen grätschen … So kommt es dann laufend zu Momenten, bei denen man sich gerne im Kopf kratzen würde. Das ist nur Stress, kein Spaß mehr.

Mein neuestes Projekt ist nun, wo ich ja Zeit habe, Gitarre zu lernen (wenn schon die Hände was Unterschiedliches machen, weiß man durch die Bünde zumindest, wo welcher Ton sitzt). Nichts Wildes, einfach ein bisschen Klampfen und im Idealfall irgendwann mal was dazu trällern. Leider ist meine Stimme echt eingerostet. Aber wirklich wundern tut es mich nicht und ich weiß ja auch, was man dagegen tun kann. Leider bin ich über die Jahre zwar viel geduldiger geworden, aber eher mit anderen Menschen oder Abläufen. Mein persönliches Durchhaltevermögen ist allerdings eher schlechter geworden. Ich erkläre es mir mit zunehmender Lebenserfahrung: Man weiß, wie lange man selbst früher schon für identische oder ähnliche Aktionen gebraucht hat und wie quälend lange es nun etliche Jahre später dauern wird, bis man seinem Anspruch annähernd gerecht wird.

Zusammenfassend meine Tipps für alle Autisten oder Eltern von Autisten, die nach geeigneten Instrumenten suchen:

  • Eher keine Streichinstrumente wählen.
  • Instrumente, die mit unterschiedlichen Körperteilen gespielt werden, könnten Probleme aufgrund der Koordination mit sich bringen. Natürlich kann man diese damit auch super trainieren, aber die Freude an der Musik bleibt eher auf der Strecke.
  • Wenn soziale Kontakte gewünscht sind, ein Band- oder orchesterfähiges Instrument wählen.
  • Wenn möglichst viel „vollständige“, d.h. für sich stehende Musik bei rauskommen soll, also nichts, was erst noch begleitet werden muss, dann eher Tasteninstrumente (Klavier, Orgel, ggf. mit Einschränkungen Keyboard) oder evtl. noch Gitarre lernen.
  • Lieber Einzelunterricht, als Gruppenunterricht nehmen. Mit anderen kann man dann in (Big) Bands, Orchestern o.ä. zusammen musizieren.
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