Kleidungsvorlieben bei Autisten

In den letzten Tagen waren wir gelegentlich in „Klamottendiscountern“ unterwegs und haben dabei auch immer nach was Passendem für meinen Stiefsohn geschaut.

Das Thema „Kleidung“ ist nämlich bei Autisten ziemlich speziell. Da es früher als Kind/Jugendliche bei mir etliche Diskussionen mit meiner Mutter bzw. meinen Eltern und auch mit sonstigen „Bezugspersonen“ gab, hat es mich nicht verwundert, dass auch mein Stiefsohn seine Probleme mit Klamotten hat.

Generell habe ich den Eindruck, dass Autisten sich nicht groß etwas aus Kleidung machen und das ganze Theater um das Thema eher nicht nachvollziehen können. Auch ich hatte so meine Schwierigkeiten als Kind, gewisse Konventionen zur passenden Kleidung für bestimmte Anlässe nachvollziehen zu können. Mir war allerdings auch egal, was andere anhatten. Auch heute noch google ich zum Thema „was zieht man zu [Anlass einfügen] an“, bespreche den Anlass und die Klamottenwahl mit meiner Mutter, meiner Freundin oder auch mit meinem Mann. Außerdem habe ich für Standardanlässe das grobe Muster verstanden. Was es aber immer noch schwierig macht ist, dass sich in den letzten 41 Jahren sowohl die Mode ändert, als auch die Konventionen. Heutzutage kann Jeans z.B. durchaus auch Business-Kleidung sein und im klassischen Hosenanzug mit einer ebenso klassischen Bluse ist man heutzutage bei den allermeisten Anlässen overstyled. Diese ganze Dynamik in dem Thema ist also wirklich nicht sehr autistenfreundlich.

Das Thema Bluse als ein Beispiel: Früher war eine Bluse etwas, ähnlich einem Oberhemd bei Männern, nämlich ein dünner Baumwollstoff mit Ärmeln, die man unten knöpfte, einem umlaufenden Kragen und einer mittigen Knopfleiste. Dieses Bild habe ich an sich auch immer noch von Blusen im Kopf. Aber macht euch mal den Spaß, geht in einem online-Modehaus mal zu den Blusen. Solche Exemplare, wie gerade geschildert, gibt’s kaum noch. Blusen ist heutzutage alles, was ein µ feiner oder länger als ein T-Shirt ist. Und lange Ärmel scheinen ohnehin out – warum eigentlich? Wegen der Klimaerwärmung? Ich für meinen Teil tue mich zumindest nach wie vor schwer und bin froh, dass ich nur selten vor der Frage der passenden Kleidung stehe.

Ein weiteres Problem war auch bei mir oft die zum Wetter passende Kleidung – wobei meine hauptsächliche Schwierigkeit eher im Frühjahr und Sommer war, sich nicht wie ein Eskimo anzuziehen. In die andere Richtung, also im Übergang zum Winter sich zu dünn anzuziehen, passierte mir eher selten. Inzwischen beherrsche ich das ganz gut – ich schätze so als älterer Teenager bzw. so als junger Erwachsener hatte ich den Dreh halbwegs raus. Bei meinem Stiefsohn ist das etwas anders – er trug in den letzten Jahren sowohl bis ca. Anfang/Mitte Januar dünne Softshelljacken, als auch ab dann bis Anfang Juni die dicke Winterjacke. Mit den Shirts (kurzarm oder langarm) verhielt es sich ähnlich. Erst nach und nach scheint sich dies zu bessern, sodass Hoffnung besteht – ähnlich, wie bei mir.

Der größte Knackpunkt ist jedoch zumeist das Material der Kleidung. Dies habe ich sowohl bei mir selbst, als auch bei meinem Opa und natürlich meinem Stiefsohn beobachtet. Mein Ex-Freund, auch ein Aspie, war zwar auch speziell mit Klamotten, aber eher in praktischer Hinsicht, weniger was das Material anging. An sich kratzt Kleidung uns Aspies offenbar recht schnell. Mich kratzen auch Pullover, die angeblich ja weich sein sollen, was im Winter als Kind regenmäßig zu Streit führte. Ebenso hasse ich „Perlonstrümpfe“. Ich trug sie nur gezwungenermaßen und auch nie länger, als unbedingt nötig. Nähte und „Schnippel“ bringen und brachten mich oft zur Verzweiflung. Frisch gewaschene Jeans mochte ich auch nicht. Aber auch hier ging es noch, wenn ich das Ganze vergleiche mit meinem Stiefsohn, der Jeans völlig ablehnt (und sich einredet, die seien unmodern), am liebsten getragene Kleidung trägt und Shirts nur in meliert, weil diese weicher sind. Das Thema „weich“ ist also sein Problem – weshalb ich es kurios finde, dass er nur Trekkinghosen trägt und diese auch gerne zum Abzippen sein können. Mich würde da ja wieder dieser Reißverschluss stören 😀

Auch mein Opa ist von der „nee, das kratzt“-Fraktion. Das Material scheint also die größte Herausforderung zu sein. Gerade bei uns Mädels gibt es schon echt merkwürdige Stoffe bei Oberteilen…

Aber auch der Schnitt und Stil ist zuweilen ein Problem. Unser Junior zieht z.B. nur sehr ungerne V-Ausschnitt an und Aufdrucke gehen gar nicht. Ein Shirt mit Aufdruck hat es geschafft – es ist symmetrisch… Auch ich hatte bestimmte Vorlieben: Oberteile durften z.B. nur wenig Ausschnitt haben und auch keinen weiten Ausschnitt (also hoch aber breit). Außerdem mag ich keine Oberteile ohne Ärmel. Mit dem Ausschnitt das klappt seit 15-20 Jahren soweit und ich mache auch nicht mehr die Bluse bis oben hin zu, wie als Kind und Jugendliche.

Das Schöne ist, dass man sich als Erwachsener seine Sachen selbst kaufen kann und irgendwann auch selber merkt, worauf man achten und wonach man suchen muss. Der Nachteil ist, dass es das oft so nicht gibt und man ziemlich eingeschränkt ist in der Klamottenwahl.

Dennoch ist für mich das Kaufen eigener Klamotten weniger schwierig, als für meinen Stiefsohn – was zwar auch an den Ansprüchen ans Material liegt, aber hauptsächlich daran, dass die Notwendigkeit neuer Kleidungsstücke und der Kauf/die Anprobe gekaufter Teile lange Diskussionen mit sich bringt.

Das digitale Zeitalter ist auch in diesem Punkt ein echter Segen für Autisten. Durch Onlineshopping erspart man sich viel Frust und auch Zeit bei der Suche und Anprobe.

Und mit zunehmendem Alter fange auch ich an, mich ein ganz klitzekleines Bisschen für Mode zu interessieren 😉

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