Empathie

In einschlägigen Berichten über Autismus bzw. Aspergerautistismus steht häufig, dass Autisten keine oder wenig Empathie empfinden können oder nicht empathisch sind.

Ich muss das leider als falsch bezeichnen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich darauf auch nicht selbst gekommen bin, sondern durch den Therapeuten meines Stiefsohns. Er erwähnte, dass Autisten oftmals nicht nichts mitbekommen, wie man immer so dachte, sondern zu viel bzw. alles und es daher nicht sortieren oder filtern können. Wenn man selbst betroffen ist, kann man da auch nicht selbst drauf kommen, weil man schließlich nicht wissen kann, was denn so „normal“ ist. Als ich diese Aussage hörte, war mir jedoch sofort klar, dass sie stimmt.

Wenn ich mich selbst reflektiere, stimmt das sowohl in Bezug auf die Wahrnehmung, als auch auf die Gefühlswelt. Ich merke oftmals schnell, wenn ich in einen Raum komme, wie die Stimmung ist. Benennen könnte ich es aber nicht. Genauso wenig wie darauf reagieren. Es wird auch oft von anderen Eindrücken überdeckt. Oder von dem, was ich selbst mitbringe – ich kann meine eigene Gefühlswelt nur sehr schlecht beiseite schieben oder ausblenden. Dazu kommt, dass die ich ein weniger großes Spektrum an Gefühlen benennen kann. Wenn ich mir bspw. die Auswahl bei Facebook anschaue für den Status, wie man sich fühlt, sind dort über 100 Gefühle aufgeführt. Vieles ist für mich aber synonym, bspw. fröhlich, toll, wunderbar, freudig, erfreut, froh, fabelhaft, großartig, munter, behaglich, gut und lebendig. Insbesondere die Reaktionen auf möglicherweise doch vorhandene verschiedene Gefühle ist bei mir ähnlich – so fing ich schon immer bei Wut an zu heulen. Ich kann das auch nicht verhindern oder mich „zusammenreißen“. Irgendwo habe ich vor Jahren mal gelesen, dass Wut das elementarste aller Gefühle ist und daher alles andere überlagert – vielleicht ist das ein Ansatz der Erklärung.

Insgesamt ist es schwer zu beschreiben, aber nicht empathisch stimmt einfach nicht – im Gegenteil. Ich bin bei Menschen und beinahe noch mehr bei Tieren so sympathisch, dass es ein Grund war, mit der Kaninchenhaltung aufzuhören, weil es jedes Mal ein riesiges Drama war, wenn die Kaninchen krank waren. Ich wurde dann auch gleich krank – meist mit Magen und Darm vor lauter Aufregung. Auch früher als Kind war ich immer recht verunsichert und etwas neben der Spur, wenn meine Eltern mal krank waren. Genauer kann das vielleicht meine Mutter beschreiben. Ich weiß nur, dass ich selbst krank sein weniger schlimm fand. Die Schwierigkeit ist nach wie vor, die ganzen empathischen Gefühle richtig einzuordnen, zu benennen und daraus womöglich Handlungen abzuleiten. Denn das ist das nächste Problem: ich weiß einfach nicht, was ich dann tun soll – und ohne dass ich mich artikulieren kann, wie ich mich konkret dann fühle, kann mir das auch niemand sagen.

Ich vermute, dass es sehr vielen Autisten so geht. Wahrgenommen wird von den neurotypischen Menschen meist nur, dass in Situationen, wo Empathie „üblich“ ist, der Autist den Rückzug antritt oder einfach nur dasteht. Die Ursache wird dann allerdings eher eine Überforderung aufgrund der gesteigerten Empathie und nicht fehlende Empathie sein. Möglicherweise kommt es auch gerade zu einem Overload oder gar Meltdown.

Also: nicht alles ist immer so, wie es scheint und auch nicht so, wie es vermeintliche „Experten“ behaupten. Hinterfragen und genau hinschauen lohnt sich!

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