Teilzeitautist?

Wir haben meinem Stiefsohn in der Vergangenheit schon ein paar Male vorgeworfen, er sei ein „Teilzeitautist“. Natürlich ist das irgendwie ein bisschen gemein und wird ihm auch nicht gerecht.

Trotzdem ist es manchmal erstaunlich, was er so alles kann, wenn es ihm nur wichtig genug ist, während es im anderen Kontext nicht klappt. Für das heutige Thema aber tut es durchaus zur Sache.

Es geht darum, ob sich Autisten, die um ihre Diagnose wissen, sich möglicherweise gelegentlich darauf ausruhen. Ausruhen im Sinne von „manche Sachen gar nicht erst versuchen“ oder vom vorzeitigen Rückzug, wenn es schwierig wird.

Für Außenstehende mag es tatsächlich oft so aussehen wie simple Bequemlichkeit. Aber um Meltdowns und Overloads zu vermeiden, ist es natürlich durchaus eine sinnvolle Taktik, die eine oder andere schwierige Situation von vornherein zu vermeiden. Ein Beispiel wäre da eine Einladung zu einer größeren Feier/Party mit lauter Menschen, die man nicht kennt. Wenn die Woche bereits einige andere Aktivitäten und Treffen beinhaltete, versuche ich so etwas zu vermeiden. Eine Feier ist nunmal oftmals laut und es gibt viele Unbekannte (was gibt’s zu Essen, was wird an Geschenk erwartet, welche Leute sind da, usw.)

Auch einige andere Dinge probiere ich gar nicht erst aus, weil ich weiß, dass ich das nicht kann – z.B. hochtrabende Dekorationen beim Kochen und Backen. Dafür ist dann mein Mann zuständig. Natürlich fände ich es toll, zumal ich auch Ideen habe usw., aber wenn man von vornherein weiß wie das endet…

Ich denke, wenn ein Autist gelernt hat, seine Schwierigkeiten einzuschätzen, ist es legitim, dass er sich selbst vor ständigen neuen Enttäuschungen und gescheiterten Versuchen schützt. Das geht natürliche nur bei weniger wichtigen Dingen, die nicht zwingend notwendig sind. Wenn es um die Gesundheit, um Untersuchungen oder um die Arbeit geht, muss man natürlich auch mal die Komfortzone verlassen. Gerade dann ist aber auch schön, wenn man das im „privaten“ Bereich dann nicht mehr tun muss.

Je älter ich werde, desto mehr schlauchen mich die Ausflüge aus der Komfortzone heraus. Das führt dann dazu, dass ich auch bei wichtigen Bereichen gezielt versuche, Erleichterung zu bekommen, wenn ich es gerade nicht ertrage und dafür „ziehe ich dann auch mal die Autismus-Karte“, wie ich es immer nenne – beispielsweise bei Ärzten wenn es ein supervolles, enges, lautes Wartezimmer gibt. Das ist aber selten.

Auf der Arbeit habe ich versucht, vieles über Telefonkonferenzen zu erledigen und wenn doch Termine in größerer Runde anstanden, so zeitig da zu sein, dass ich mir einen geeigneten Platz suchen konnte.

Jetzt ist es allerdings ein Unterschied zwischen mir als Erwachsenem und z.B. meinem Stiefsohn. Um gezielt Sachen lenken zu können, muss man sich zuvor austesten – einfach um sich nicht unnötig selbst einzuschränken. Grenzen kann man nunmal nur durch Überschreitungen kennenlernen. Gerade als junger Autist sollte man sich daher oftmals eben nicht einfach auf den Autismus zurückziehen, oder gezielt dazu sagen, dass man Schwierigkeiten auf sich zukommen sieht, es aber mal probieren möchte. Das erfordert ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit und auch den Willen, an etwas zu arbeiten – beides ist gerade in der Pubertät oft wenig vorhanden.

Dazu kommt, dass man vielleicht tatsächlich das eine oder andere mit etwas Verspätung gelernt hat, was man aber lieber für sich behalten möchte, weil es einfach bequemer ist. Als Erwachsener ist mir das noch nicht wirklich passiert, aber in Kindheit und Jugend sicherlich.

Es ist daher selbst für mich schwer zu sagen, an welcher Stelle mein Stiefsohn zu etwas nur zu bequem ist und wo er wirkliche etwas nicht kann. Dieses Problem werden wohl auch viele Eltern, Therapeuten und Lehrer autistischer Kinder haben.

Patentrezept: gibt’s leider nicht. Insofern bin ich einmal mehr froh, in einem Alter zu sein, indem ich meine Grenzen nachvollziehbar getestet und kennengelernt habe. An Defiziten arbeite ich bei Bedarf natürlich trotzdem, aber nur gezielt, wenn es dringend nötig ist und ich eine Aussicht auf Erfolg sehe.

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