Das Autismusspektrum

Seit einigen Jahren wird zunehmend öfter der Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) anstelle von Asperger-Syndrom als Diagnose genannt.

An sich ist ASS der Oberbegriff für verschiedene Störungen, für eben das Asperger-Syndrom und desweiteren den Frühkindlichen Autismus (auch bekannt als Kanner-Autismus) sowie den Atypischen Autismus.

Warum immer öfter „nur“ der Oberbegriff genannt wird, darüber kann ich nur mutmaßen. Nach allem, was ich bisher gehört und gelesen habe ist es zum einen gerade bei kleinen Kindern schwierig abzugrenzen. Zum Anderen wird ja inzwischen jede kleinste Auffälligkeit diagnostiziert und gerade bei leichteren Formen verschwimmen die Grenzen – egal in welchem Alter.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist das Phänomen, dass z.B. Aspies sich zuweilen auch untereinander „komisch“ finden. Es kommt vermutlich daher, dass auch das Autismusspektrum so vielschichtig ist und zwischen dem einen und dem anderen Ende des Spektrums Welten liegen können.

Ein Beispiel ist da Körperkontakt. Es gibt Autisten, die haben Schwierigkeiten, die körperliche Distanz zu wahren und den persönlichen privaten Bereich des Gegenüber zu respektieren. Auf gut Deutsch: sie grabbeln andere an. Die vermutlich größere Anzahl (ist jetzt meine persönliche Beobachtung) an Autisten vermeidet jedoch Körperkontakt mit Fremden unbedingt. Fremd in dem Kontext jeder ist, der über Eltern, Großeltern, Partner oder eigene Kinder hinausgeht. Diese Menschen vermeiden häufig auch beim Stadtbummel oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zufällige Berührungen, was eine echte Herausforderung sein kann. Dazwischen liegen die genannten Welten…

Ein Beispiel dafür, dass auch ein Autist nicht unbedingt andere Autisten und ihre Eigenheiten versteht, sind mein Stiefsohn und ich. Ich verstehe bspw. auch einiges nicht, was meinem Stiefsohn Schwierigkeiten macht – beispielweise das Aussortieren sehr verschlissener Kleidung – umgekehrt belächelt er die eine oder andere Eigenart von mir, z.B. das Listenschreiben.

Bei diesem Thema kann es durchaus hilfreich sein, wenn sich die Beteiligten des Autismus‘ bewusst sind und sich damit insoweit beschäftigt haben, dass sie um die unterschiedlichen Ausprägungen wissen. Das erhöht die Kompromissbereitschaft bzw. die Toleranz gegenüber „fremden“ Macken. Treffen allerdings wirklich zwei komplett konträre Eigenschaften aufeinander, wie das Beispiel mit dem Körperkontakt, ist Stress und Ärger vorprogrammiert. Da ist es sicherlich das Beste, sich aus dem Wege zu gehen oder klar die Spielregeln im Umgang miteinander festzulegen – auf eine Art, mit der beide Seiten umgehen können.

Für Außenstehende ist es meist dennoch schwierig zu verstehen, dass zwei völlig entgegengesetzte Eigenarten beide Autismus sein können und „im Spektrum“ liegen. Mir hilft an der Stelle, sich das wie einen Schieberegler an der Stereoanlage vorzustellen. Oder eben in den Soundeinstellungen am Handy (für die jüngeren unter uns 😊):

Es gibt einen Regler für die Höhen. In der Mitte ist es „normal“ also ausgeglichen. Am einen Ende sind die Höhen komplett weg, am anderen Ende total herausstechend. So ist es auch im Spektrum. Die komplette Schiene des Schiebereglers ist das Spektrum. Liegen alle Regler für jede Eigenschaft in der Mitte, handelt es sich wohl um einen neurotypischen Menschen. Ein Autist kann sich aber mit den Eigenarten auch an einer der kompletten Außenkanten befinden.

Insgesamt ergibt sich sicherlich ein buntes Bild – so bunt, wie die große weite Welt 🙂

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3 Gedanken zu “Das Autismusspektrum

  1. Genau. ASS weil es so unzählige Facetten gibt. Mein Mann versteht zwar einige Verhaltensweisen unseres Großen, aber nicht alles. Umgekehrt das Gleiche. Man könnte sagen, sie triggern sich oft gegenseitig. Ich gebe mir auch größte Mühe sie zu verstehen, was auch den Anschein hat, wenn ich mit anderen darüber rede. Doch da wir ja alle menschlich sind, kommt es auch vor, dass ich es in manchen Situationen halt dann einfach doch nicht verstehe. Zum Glück haben wir gelernt, wie Situationen wieder entschärft werden können.

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    • Das ist viel wert, Situationen entschärfen zu können.

      Ich glaube, immer alles zu verstehen ist weder möglich noch nötig – man muss es nur ein Stück weit akzeptieren und in eine Bahn lenken, mit der alle Leben können und wo jeder sich wiederfindet. Das ist oft schwer genug, aber es geht.
      Aber gerade bei Kindern und Jugendlichen finde ich es schwer zu erkennen, was nun „normaler“ Autismus ist und was eine bspw. pubertäre Entwicklung – denn da muss man dann eingreifen. Ich glaube, das ist auch viel Try and Error…

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