Die Sache mit dem Ernst nehmen…

Ehrlich gesagt war dies der bisher schwierigste Blogbeitrag. Es sollte darum gehen, wie wichtig es mir ist, ernst genommen zu werden und um meine Beobachtung, dass es auch vielen anderen Autisten so geht.

Während ich so darüber schrieb, stellte ich fest, dass da doch wesentlich mehr dran hängt:

Erstens ist es vermutlich keine autismusspezifische Sache, den Wunsch zu haben, ernst genommen zu werden.

Zweitens stellte ich fest, dass jemanden Ernst zu nehmen etwas mit Toleranz und Respekt zu tun hat. Wenn man einen Menschen und die Dinge, die er sagt und tut, ernst nimmt, bringt man ihm Respekt entgegen und toleriert auch seine Persönlichkeit – egal wie anders er ist als man selbst. In dem Zusammenhang kann man dann sogar politisch werden. Wenn man sich umschaut – wieviel weniger Ärger hätten wir miteinander in diesem Land, wenn wir einander ernst nähmen! Oder sogar weltweit. Aber natürlich funktioniert dies – wie so vieles – nur, wenn alle mitmachen. Bei 7,7 Milliarden Menschen ist das illusorisch – ein paar Ver(w)irrte reichen schon zum Untergraben…

Drittens ist mir aufgefallen, dass es Empathie bedarf, also der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, um jemanden Ernst zu nehmen. Und Empathie ist ja wieder so ein Thema, auf dem die „Autismus-Experten“ und die Medien immer so abfahren – leider meiner Meinung nach (und nicht nur meiner Meinung nach) zumeist mit den falschen Schlüssen.

Von da an gefiel mir mein Blogbeitrag nicht mehr – zumindest nicht unter dieser Überschrift. Es erschien mir auf der einen Seite einfach zu banal, darzulegen, dass und wie ich oder auch andere Autisten „hochgehen“, wenn sie nicht ernst genommen werden. Auf der anderen Seite werden zu viele wichtige andere Themen davon berührt, die aufgrund ihrer Bedeutung mehr Aufmerksamkeit als eine Randnotiz innerhalb eines derartigen Blogartikels verdient haben.

Ich habe ihn daher erstmal beiseite gelegt und werde die Inhalte zerlegen – die natürlich schon erwähnenswert sind – und in mehreren neuen Beiträgen einbringen. Später…

Was also ist die Quintessenz des Themas „ernst nehmen“? Nun, ich denke, jeder möchte es sozusagen passiv erleben und sollte es daher auch aktiv umsetzen.

Es ist ja beinahe schon eine Binsenweisheit, dass es generell eine gute Idee ist, seinen Kommunikationspartner ernst zu nehmen – insbesondere, wenn man selbst etwas von ihm möchte. Ernst nehmen heißt in dem Fall auch, denjenigen dort abzuholen, wo er ist. Und dabei ist der Hintergrund des Gegenüber kein Argument, ihn nicht ernst zu nehmen. Weder Alter, noch Geschlecht, Herkunft, politische Gesinnung, sexuelle Orientierung, Haarfarbe, Hautfarbe, Schuhgröße, Behinderung, noch IQ-Punkte sind ein Argument. Das ist auch der Grund, weshalb wir mit einem Kind anders reden, als mit einem Erwachsenen. Das Kind wird im Gespräch dort abgeholt, wo es gerade ist. Das Geheimnis ist: Das klappt auch mit anderen Menschen. Meistens zumindest. Man kann es bei jedem Menschen versuchen.

Ich sage nicht, dass ich das immer mache. Auch ich habe bedauerlicherweise gelegentlich Vorurteile, die mich davon abhalten. Manchmal bin ich auch zu faul, denn es ist selbstverständlich anstrengend, etwas ernst zu nehmen, was einem selbst womöglich banal oder lächerlich erscheint. Es ist mit Aufwand verbunden, man muss sich Gedanken machen, vielleicht mehrfach nachfragen. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es sich lohnt und das man dafür auch etwas zurück bekommt. Von einfacher Dankbarkeit im Blick des anderen bis hin dazu, ebenso behandelt zu werden.

Letztlich läuft es auf etwas hinaus, was ich als Kind gelernt habe, insbesondere von meiner Oma:

„Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andren zu.“

Das funktioniert eigentlich immer und auch anders herum: Behandle andere immer so, wie du selbst auch gerne behandelt werden möchtest.

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