Ich als Aspie-Kind

Wie war ich so als Kind, was war so anders?

Sagen wir: vieles. Und wenn ihr am Seitenende angekommen seid,

versteht ihr vielleicht auch, warum mir meine Mutter vor 10-15 Jahren irgendwann mal wünschte, dass ich so ein Kind bekomme, wie ich es war. Allerdings weiß ich, dass sie eigentlich ziemlich zufrieden mit mir sind.

Meine Mutter war Erzieherin (bzw. das, was heute Erzieherin ist, hieß nur anders), hatte also Know-How, Vergleichsmöglichkeiten und Erfahrung.

Nun war ich zwar bei meiner Kindheit durchaus dabei, aber vieles weiß ich auch nicht mehr. Ich schreibe einfach in Stichpunkten auf, welche Besonderheiten bereits als Kind auffällig waren.

Babyalter

Es fing bereits gleich nach der Geburt an mit Merkwürdigkeiten….

  • Meine Mundmotorik war zu schlecht, um aus der Brust zu trinken. Leider klappte auch der Milchsauger des Fläschchens nicht. Er war zu groß, reizte meinen stark ausgeprägten Würgereflex. Die Lösung war ein Teesauger mit größer geprokeltem Loch.
  • Ich schrie viel, wenn man mich hinlegte, selbst im Stubenwagen. Irgendwann kam jemand auf die Idee, Himmel und Nestchen wegzunehmen. Dadurch konnte ich gucken und ich wurde friedlicher.
  • Beim Essen war ich damals schon wählerisch.
  • Ich fand die Windel eklig und wurde früh trocken
  • Rituale waren wichtig

Kleinkindalter /Kindergartenzeit

  • Rituale blieben wichtig
  • Ich habe lange Zeit (über das Kleinkindalter hinaus) keine Erbsen gegessen, die kaputt waren.
  • Dinge mit Pelle, Knubbel, Krümeln (siehe Artikel „Mein“ Autismus heute) esse ich nicht. Daher schied auch Joghurt aus, weil die Obststücke darin für mich inakzeptabel waren. Ich habe mit Joghurt essen erst begonnen, als mein Vater im Krankenhaus mal einen stichfesten rosanen Joghurt ohne Stücke hatte (es war Erdbeer-Joghurt).
  • Alles Gleichförmige begann ich toll zu finden, z.B. Uniformen, Marschmusik, Symmetrie
  • Tiefe Stimmen und Bärte brachten mich völlig aus der Fassung (brummende Teddybären eingeschlossen).
  • Ich fragte wildfremde Leute, was sie da machen. Nicht, weil ich gut mit anderen Menschen konnte, sondern im Gegenteil. Ich kannte da keine bis wenig Grenzen und wollte einfach meine Fragen beantwortet haben /meine Neugier befriedigen.
  • Neue Umgebungen machten mir Angst. In den Urlaub fahren war nicht so einfach mit mir.
  • Im Kindergarten spielte ich weniger, als dass ich anderen erzählte, wie und was sie spielen sollten.
  • Ich wusch meinen Teller im Kindergarten nicht ab, weil im Eimer immer Krümel von vorherigen Tellern schwammen und ich da nicht rein fassen mochte.
  • Ich biss und schlug andere, wenn sie mir dumm kamen oder mir nicht glaubten (obwohl ich überall körperlich die kleinste war).
  • Spiele nahm ich ernst. Dass man sich Sachen nur ausdenkt oder nur so tut als ob, habe ich oft nicht verstanden. Ich dachte also, meine Onkel schicken mich wirklich im großen Karton weg und ich dachte, die anderen Jungs in der Straße schießen mich wirklich tot.
  • Fahrrad fahren lernen war eine sehr lang andauernde Geschichte. Motorik und so….
  • Schnürsenkel binden ebenso.
  • Beim Ausschneiden war entweder immer noch der Strich dran oder es war kruckelig. Es hieß aber auch immer „am Strich entlang“. Für mich bedeutete das, den Strich gerade so dran lassen…
  • Ich lief nackig im Kindergarten herum, als es hieß, „ihr könnt eure Sachen ausziehen“
  • Beim Übernachten mit anderen brauchte ich ein extra Zimmer (auch im Kindergarten), weil die anderen „so laut atmen“.
  • Rollenspiele, so wie „Vater, Mutter, Kind“ waren nichts für mich. Wenn es denn sein musste, war ich immer der Vater, weil der ja den ganzen Tag auf der Arbeit war. Ich konnte dann also in der Zeit was anderes spielen, mit Autos oder so.
  • Ich brachte mir mit ca. 4 Jahren mittels russisch Brot und Weingummi selbst das Lesen bei.
  • Meine Lieblingslektüre wurde der große dicke Medizinwälzer.

Grundschulalter

  • Die Dinge aus der Kindergartenzeit setzten sich fort. Das Sozialverhalten besserte sich etwas, vermutlich durch ständige Ermahnungen, Wiederholungen und abgucken. Ich verstand auch besser das Spielchen „so tun als ob“ von anderen. Ich selbst mochte und konnte es weniger.
  • Meine „Musik-Karriere“ begann. Musik hat Regeln, System und ist voraussehbar.
  • Es gab insbesondere in den ersten beiden Klassen oft Auseinandersetzungen mit anderen (gerne auch 1-2 Köpfe größer), bei denen ich auf andere los ging, weil sie „strohdumm“ waren oder mir nicht glaubten, obwohl ich die Dinge selbst gelesen hatte (was ich ja bereits 1,5-2 Jahre vor Schulbeginn konnte).
  • Ich korrigierte gerne auch die Lehrer.
  • Damals gab es noch „in der Ecke stehen“ als Bestrafung. Ich hatte dort irgendwann einen Stuhl und sogar einen Tisch 😁
  • Eine meiner Lehrerinnen schmiss meinetwegen das Handtuch und gab die Klasse ab (heute wäre vermutlich ich „entfernt“ worden).
  • Freundschaften waren da, aber so allerbeste Freundinnen mit übernachten und so hatte ich nicht. Ich hatte 2 Freundinnen und auch eigentlich einen besten Freund, aber rückblickend betrachtet haben sie mich meist alle nur mitspielen lassen oder ertragen und vermutlich hätten sie mich nicht freiwillig jeden Tag ertragen. Als Kind ist mir das aber nicht aufgefallen.

Zwischen Kind und Teenie

  • Ich hatte so gut wie keine gleichaltrigen Freunde mehr, da wir umzogen nach der 4. Klasse und ich aufgrund meiner Eigenarten keinen Fuß auf den Boden bekam. Jungs spielten dort nicht mit Mädchen und Mädchen konnten mit mir, die sich eher für Fußball als für Äußerlichkeiten interessierte, nichts anfangen und umgekehrt.
  • Über meine musikalischen Fähigkeiten hatte ich viel Kontakt zu älteren, sodass ich soziale Interaktion im geschützten Rahmen lernen konnte. Als einziges Kind in der Gruppe wurde vieles verziehen und da ich gut in dem war, was ich tat, hatte ich Sicherheit.
  • Die Eigenarten beim Essen blieben schwierig, aber ich probierte öfter Neues aus (natürlich ohne Fasern, Pelle und Stückchen)
  • In der Schule wurde ich zum Einzelgänger, hatte nur lose Pausenkontakte
  • Ich pochte auf die Einhaltung von Regeln, ging dafür auch mit dem BGB unter dem Arm in die Schule und erwirkte eine Abmahnung des Hausmeisters
  • Nach der Schule war ich meist mental erschöpft und zog mich erstmal zurück und baute die Reizüberflutung mit Stereotypen ab. Ich spielte damals schon Orgel und habe nach dem Mittagessen (teilweise schon vorher) erstmal mit Kopfhörern 1-2 Stunden gesessen und gespielt. Nicht unbedingt geübt – ich brauchte das einfach zum abschalten.
  • Meine Hobbies waren zunehmend untypisch im Vergleich zu anderen. Ich interessierte mich bspw. für klassische Musik, was auf allgemeines Unverständnis stieß.
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