Aspie trifft Schalentier – von Fremdkörpern und Entscheidungen

Das Wochenende nach der feststehenden Krebsdiagnose war eins der härtesten. Es galt, die

Entscheidung zu treffen, was nach dem Entfernen der Brust passieren soll.

Die Brust musste ganz entfernt werden, weil rund um den Tumor bereits sehr viel Vorstufengewebe war. Normalerweise wird heutzutage brusterhaltend operiert.

Ehrlich gesagt wäre das vermutlich bei mir kein großer Unterschied gewesen, da ich nun nicht gerade eine üppige Oberweite habe/hatte.

Die rechte Brust sollte also weg. Ich mag bzw mochte übrigens noch nie den Ausdruck „Brust abnehmen“. Als Kind fand ich das schon immer komisch. Abnehmen kann man Mehl beim Backen, wenn man zu viel reingetan hat oder ein Foto von der Pinnwand. Aber eine Brust (oder Arm oder Bein) ist angewachsen und eine Mastektomie ist nichts anderes als das Weg- oder Abschneiden der Brust. Das klingt zwar brutaler, aber es ist ja nunmal so. Amputieren klingt auch brutaler, aber das ist die Realität und da muss man nichts beschönigen, finde ich zumindest.

Die Fakten waren, dass ein Implantat – so sicher es auch sein mag – ein Fremdkörper ist. Im Idealfall kommt es unter den Brustmuskel, damit es natürlich aussieht. Das bedeutet, außer dem entfernen des Drüsengewebes hätte man die Haut inklusive Brustwarze gelassen, dann den Muskel am Brustbein abgetrennt, das Implantat drunter geschoben und hübsch gemacht. Die Nachteile:

  • Schmerzen (auch länger), weil so ein Brustmuskel doch echt häufig gebraucht wird
  • Lange Zeit fester BH Tag und Nacht
  • Leicht erhöhtes Risiko eines Lokalrezidivs durch die belassene Haut und Brustwarze
  • Definitiv nach ca. 15 Jahren+/- eine erneute Operation zum Austausch des Implantats
  • Im Falle der zum Zeitpunkt der Entscheidung unwahrscheinlichen Bestrahlung die Gefahr einer Kapselfibrose, weil das Implantat nicht bestrahlungsfest ist
  • Ein Fremdkörper in mir. Das war ehrlich gesagt mein größter Klemmer. Ich weiß, wie sehr mich Kleinigkeiten an der Kleidung, an Kissen usw schon stören. Und auch an mir.

Wir fuhren direkt vom Termin in der Klinik noch zum Sanitätshaus und ich ließ mir erklären und zeigen, was die Alternative, also kein Aufbau, bedeuten würde. Wenn man schon eine Entscheidung treffen muss, dann bitte mit allen Fakten.

Ich befragte das Wochenende über meinen Freund, meine Eltern, meine Freundinnen, usw. Alle sagten „musst du wissen“ und fragten, was mein Freund möchte und dazu sagt. Der wiederum hat das gar nicht verstanden. „Es ist doch dein Körper, da habe ich doch nichts zu zu sagen! Mir ist es gleich, ob du nun 1, 2 oder 3 Brüste hast, Hauptsache es geht dir gut und du bist bei mir.“ Natürlich hatte ich meine Zweifel daran, denn woher sollte er vorher wissen, ob es ihn hinterher nicht doch stört oder gar abstößt? Über Männer, die ihre Frauen wegen einer fehlenden Brust verließen, hörte ich so einiges. Andererseits wusste ich auch, dass mein „Kerl“ anders tickt, in vielen Dingen. Ich liebe ihn so sehr – nicht nur deshalb, aber sicherlich auch.

Sein Junior bekam die anstehende Entscheidung mit. Er fragte zunächst, bevor er verriet, was er machen würde, ob die Brust wieder nachwachsen würde. Als ich verneinte kam ein ehrlich betroffenes „oh“, eine kurze Pause und dann der Rat oder vielleicht auch Wunsch, das Risikoärmste zu machen.

Eigentlich war auch meine Entscheidung bereits deutlich auf der Seite. Selbst die schmerzarmere Variante, das Implantat auf den Brustmuskel zu machen, was der Doc angesichts meiner hohen Schmerzempfindlichkeit präferierte, konnte mich nicht überzeugen. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, da eine Brust ohne Gefühl zu haben. Einen großen Fremdkörper. Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte auch keine künstlich aussehende Brust, keine Folge-OPs, kein höheres Risiko. Auch die Vorstellung, mit fortgeschrittenem Alter eine der Schwerkraft folgende echte und eine top aufgerichtete künstliche Brust zu haben fand ich ästhetisch schwierig. Und so lehnte ich freundlich, dankbar aber bestimmt den Aufbau ab.

Die Zeit zwischen Entscheidung und OP war ein wenig erleichtert. Meine größte Sorge war, wie sehr mich der partielle Kahlschlag mental mitnehmen würde. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, mit fehlender Brust aufzuwachen, vor der Endgültigkeit. Trotzdem war die Entscheidung eindeutig und ich habe sie auch bis heute weder in Frage gestellt, noch bereut.

Das Foto oben zeigt übrigens eine Aufnahme von meinem Freund und mir mit einer Wärmebildkamera in einem Museum – ca. 1 Jahr nach der OP. Da fällt dann optisch doch auf, dass da was anders ist. 😂 Wenn man mich sonst sieht, kommt man da nicht drauf…

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3 Gedanken zu “Aspie trifft Schalentier – von Fremdkörpern und Entscheidungen

    • Dankeschön! 😊

      Hör dir alles in Ruhe an und frag nach, was dich da dann an der Entnahmestelle erwartet, was Wundheilung (die kann sich durch die Chemo ja auch verändern) und sonstige Folgen angeht.
      Und nimm dir nach den Informationen mindestens eine Nacht zum drüber schlafen, bevor du dich entscheidest. Bei der ganzen Zeit, die mit den Therapien ins Land geht, muss das einfach drin sein.

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