Autismus – der Verdacht

Im Jahr 2013, mit zarten 35 Jahren also, kam im Sommer der Verdacht, dass ich eine Asperger Autistin sein könnte.

Die 35 Jahre fiel ich überall, wo ich unter Menschen war, als sonderbar auf. Nicht unbedingt immer negativ, aber ich war „anders“ und je älter ich wurde, desto häufiger bei bekam ich das zu hören und zu spüren. Ich hatte Schwierigkeiten, in neuen Gruppen Fuß zu fassen, obwohl ich jede neue Gruppe als neue Chance sah, z.B. bei einer neuen Arbeitsstelle. Zwar wurde ich zum Mittagessen mitgenommen, aber irgendwie waren die Interessen und das allgemeine Verhalten so unterschiedlich, dass ich zu keinem Grüppchen dazu gehörte. Verabredungen nach Feierabend – von denen bekam ich bestenfalls irgendwann hinterher etwas mit.

An einigen Arbeitsstellen wurde mir das sogar gesagt „du bist verrückt“ (ohne dass ich was objektiv Verrücktes getan habe, wie Bungee jumpen, jemand fremdes heiraten, Grashüpfer essen, etc)

Außerhalb der Arbeit war es auch zunehmend schwierig. Die wichtigsten Freundschaften blieben, aber die Unterschiede in der Entwicklung im Vergleich zu den anderen wurden immer deutlicher. Ich hatte Hobbies, die sonst keiner hatte, schaffte es nicht, einen Partner zu finden, d.h. nicht einmal Kurzbeziehungen gab es.

Auf der Arbeit jedoch tat sich seit 2012 etwas. Aufgrund von räumlichen Umstrukturierungen beim Kunden kam ich in ein neues Großraumbüro. Der Horror für jeden Aspie, aber dass ich einer bin, wusste ich ja noch nicht. Hier lernte ich neue Leute kennen, auch alles seltsame Typen. Über Begegnungen in der Teeküche freundete man sich an. Man ging gemeinsam zum Mittagessen. Einer der Kollegen dort berichtete oft von seinem Sohn, der damals so 10-11 Jahre alt war. Er ist Asperger Autist, meisterte die Schule nur mit Schulbegleitung und scheiterte immer wieder an scheinbaren Selbstverständlichkeiten. Wenn der Kollege erzählte, kannte ich immer schon den Ausgang der Story und hielt vieles für völlig normal, weil es bei mir eben als Kind oder auch gegenwärtig auch so war.

Es kamen in mir erste Zweifel auf, ob ich wirklich normal war. Eines Tages, als man sich schon etwas länger kannte, fragte der Kollege mich, ob es nicht sein könnte, so wie er mich erlebt, dass ich auch ein Asperger Autist sei. Wir unterhielten uns lange, er stellte mir einige typische Fragen. Der Verdacht erhärtete sich und wir beschlossen, im Autismus-Zentrum vorstellig zu werden. Da sein Sohn dort auch in Therapie war, stellte er den Kontakt her, besorgte den Termin und versprach mitzukommen (was er auch tat).

Die Zeit bis zum Termin – ich meine, es waren 3-4 Wochen – war furchtbar. Es deutete alles darauf hin, dass es tatsächlich so ist. Alle Schwierigkeiten in meinem Leben machten plötzlich Sinn – vom Kleinkind bis zur Gegenwart. Das war das Gute. Die schlechte Seite war, dass mir schlagartig in den Sinn kam, dass ich vieles nie erreichen können werde: einen Partner finden, privat neue Leute kennenlernen, irgendwo alleine neu anfangen, usw. Dinge, dich ich vorhatte.

Mir wurde klar, wie anders ich tatsächlich immer schon war und was für Kummer und Sorgen ich meiner Familie damit gemacht haben muss.

In der Zeit, der Wartezeit, fiel ich in ein Loch. Denken auf der Arbeit war kaum noch möglich. Meine Leistungen sanken rapide. Ich war wie ein Zombie. Es folgte ein geplanter Urlaub mit einer Bekannten und ihrer Tochter. Ich kannte sie viel zu wenig. Mir ging es nicht gut. Wir waren auf dem Campingplatz – es war laut, hell, und sehr warm. Es gab Streit – ich war auf dem Tiefpunkt und sehr kurz davor mich im in der prallen Sonne stehenden Campingbus einfach einzuschließen, wegzudösen und einfach nicht mehr aufzuwachen.

Nun, ihr seht, ich bin noch hier… Ich habe den Urlaub abgebrochen und die restliche Zeit im abgedunkelten Wohnzimmer Zuhause verbracht.

Im Nachhinein ist natürlich klar, dass ich völlig reizüberflutet war, insbesondere in emotional aufwühlenden Situationen schaukelt sich das hoch. Dazu kam, dass ich – außer mit dem Kollegen – mit niemandem darüber geredet habe und reden wollte, um nicht vorschnell Meinungen zu hören oder irgendwen zu beunruhigen.

Es war auch im Rückblick, der ja oftmals milder ausfällt, weil der Mensch gut ist im Verdrängen, keine schöne Zeit, aber eine, in der ich viel über mich und meinen ganz persönlichen Autismus gelernt habe.

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